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Kultur Renommierter Germanist Frühwald in Hannover
Nachrichten Kultur Renommierter Germanist Frühwald in Hannover
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20:54 14.06.2012
Von Simon Benne
Präzise und engagiert: Wolfgang Frühwald im Logenhaus. Quelle: Steiner
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Hannover

Es hat lange gedauert, bis er bei Goethe angekommen war. „Aus Scheu und Ehrfurcht hielt ich meine erste Vorlesung über ihn erst mit 60 Jahren“, sagt Wolfgang Frühwald lächelnd. Da war der Literaturwissenschaftler schon einer der großen Gelehrten der Bundesrepublik. Der heute 76-Jährige zählt zum akademischen Hochadel. Er war Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. In der langen Liste seiner Ehrungen findet sich der Päpstliche Gregoriusorden ebenso wie das „Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Und jetzt hat ihn Goethe nach Hannover geführt. Aber eigentlich geht es um die „Anfänge der deutschen Italomanie“, wie er selbst sagt.

Bei der Goethe-Gesellschaft spricht Frühwald über die Italienreisen der Familie Goethe: Johann Wolfgang von Goethe stieß im Land der blühenden Zitronen nicht nur auf ägyptischen Kaffee und die Pracht katholischer Kirchen und Feste. Er entdeckte auch die Sinnlichkeit des Südens. Seit den Tagen der Minnesänger hatte anständige Dichtung immer die unerfüllte Liebe besungen. Goethes „Römische Elegien“, veröffentlicht 1795 in Schillers Zeitschrift „Die Horen“, beschrieben hingegen die Freuden erfüllter Liebe so deutlich, dass der empörte Herder vorschlug, die „Horen“ künftig mit „u“ zu schrieben. Bei alledem fand Goethe in Italien vor allem das Arkadien, das seine Phantasie sich ausmalte: „Das echte Italien sah er gar nicht“, sagt Frühwald. Ein nachsichtiger Tadel.

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Ruhig und präzise spricht der Germanist bei seinem Vortrag im Logenhaus - und zugleich engagiert und amüsant. Kommt man mit ihm im Garten des Gebäudes ins Plaudern, erzählt er, dass er erst kürzlich in Hannover war. In der Leibniz-Bibliothek hat er sich mit dem Nachlass des Dichters Horst Bienek beschäftigt, der dort verwahrt wird. Mit Bienek war er befreundet: „Ein quirliger Mann, ein unglaublicher Rebell“, sagt Frühwald. Er selbst arbeite gerade an seinem Goethe-Buch: „Rund 300 Seiten habe ich schon, aber ob es je fertig wird, weiß ich nicht.“ Immerhin ist schon ein Titel ins Auge gefasst: „Der verstorbene Verleger Siegfried Unseld hat ,Goethe - Annäherungen‘ vorgeschlagen, und daran will ich mich halten“, sagt der Germanist.

Zu Goethe fand er selbst über die Romantiker, die er ausgiebig erforscht hat. Derzeit erlebt die Romantik eine regelrechte Renaissance: „Das ist eine dialektische Gegenbewegung zur Globalisierung“, sagt er: „Je weltoffener das Land wird, desto höher steht zugleich die Heimat im Kurs - und die Romantik profitiert zu Recht davon.“ Wenn Frühwald darüber spricht, zitiert er Eichendorff und Enzensberger mit der selbstverständlichen Beiläufigkeit des Gelehrten, der aus einem reichen Bildungsreservoir schöpfen kann. Er wirkt wie die fleischgewordene Erkenntnis, dass gedankliche Tiefe nicht langweilig sein muss und dass Bildung eben mehr ist als angesammeltes Wissen.

„Wir häufen heute Datenberge an, die niemand mehr durchdringen kann“, sagt er und nippt an seinem Apfelsaft. „Wer heute ein Smartphone hat, trägt gewissermaßen das Weltwissen in der Hosentasche - aber er kann damit gar nichts mehr anfangen, weil er es nicht einordnen kann.“ Der Vater von fünf Kindern und elffache Großvater hat selbst die Erfahrung gemacht, dass inzwischen die Alten von den Jungen lernen: „Wenn ich mal wieder ein Manuskript am Computer vernichtet habe, zaubern meine Enkel es wieder hervor“, berichtet der Augsburger mit süddeutsch gerolltem „R“.

Im großen Medienwandel verliere Sprache derzeit an Bedeutung - dafür würden Bilderwelten wichtiger. Frühwald plädiert dafür, möglichst viel gute Sprache zu bewahren: „Sie ist das rationale Element, das wir dringend brauchen, wenn die Irrationalität weiter zunimmt und der Wertekanon zerbricht“, sagt er. Das klingt nach fatalistischer Kulturkritik und düsteren Untergangsszenarien. Doch als Pessimist sieht Frühwald sich nicht: „Ich sage ja nicht, dass nicht etwas Neues und Gutes an die Stelle des Alten treten kann“, sagt er - und lächelt so, dass man ihm seinen Optimismus sofort abnimmt.

Johanna Di Blasi 14.06.2012
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