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Kultur Restaurierte Beatles-Videos erschienen
Nachrichten Kultur Restaurierte Beatles-Videos erschienen
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21:09 11.11.2015
Die alten Videos wie dieser Mitschnitt eines Fernsehauftritts Ende der Sechzigerjahre erneuern den Mythos der Band. Quelle: Apple Corps Ltd
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Frische Ware von den Beatles kommt jetzt in die Schaufenster, wie immer, wenn der erste Weihnachtsmann aus Schokolade an der Ladenkasse steht. Diesesmal sind es die Videos der Band - nur gibt es leider keine neuen Lieder, auch nicht in Yoko Onos Schuhkarton ganz oben unterm Dach hinter dem alten Kühlschrank, den sie beim letzten Umzug ausgemustert hat. Im Grunde würde man ja alles nehmen: Vielleicht war John mal Üben auf der Mundharmonika und hatte den Rekorder angestellt, zwischendurch hat er den Pizzadienst gerufen. Aus jedem Rudiment lässt sich inzwischen etwas zimmern, wenn es nach Beatles riecht, denn schnell ist die Begleitung arrangiert und hopplahopp ein neuer Song gezaubert. Die Technik macht es möglich, vor allem aber hilft der Mythos dieser Band. Alles taugt zum Knaller unterm Weihnachtsbaum, wenn es John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr jemals in Händen hielten.

Paul freilich hat seine Aktie zuletzt durch ungünstige Frauenbeziehungen heruntergewirtschaftet. John damals ja auch, doch der ist tot und heilig. George? Kein schlechtes Wort über George, ein verdienter Gitarrist, der sich sehr renitent gegen das Leben eines Rockstars und generell gegen das Geldverdienen stemmte (reich ist er trotzdem geworden). Und Ringo? Ach, Ringo.

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Nein, es gibt nichts Neues von den Liverpoolern zu erzählen. Doch wie gesagt, das ist kein Argument, wenn Heiligabend dräut. Denn will die Plattenindustrie ihr Geld allein mit Leuten wie Adele und Sido erwirtschaften? Das sind ja kleine Fische im Vergleich.

Die Strahlkraft der Beatles ist unerreicht, darum kommen nun restaurierte Videos auf den Markt. Das Album „1“ erschien im Jahr 2000, es versammelt die 27 Nummer-Eins-Hits der Band in England und den USA (die Ausnahme bildet „Something“ von George Harrison, das nie an der Spitze stand). „1“ wurde weltweit mehr als 31 Millionen Mal verkauft, es ist eines der erfolgreichsten Alben des 21. Jahrhunderts. Weil hier musikalisch und kommerziell nichts mehr zu melken und zu steigern ist, wird jedem Titel von „1“ nun ein kleiner Clip zur Seite gestellt. Die Beatles haben die Gattung „Video“, wie wir sie von MTV kennen, quasi erfunden: Zu John Lennons Stück „Strawberry Fields Forever“ drehten sie 1967 einen mondsüchtigen, unwirklichen, mal vorwärts-, mal rückwärtslaufenden kleinen Film, der erste seiner Art. Ironischerweise ist das Lied nie Nummer eins geworden, also fehlt gerade dieser historische Streifen auf der DVD.

Weil eine derart leichtfertig vergebene Chance aber im wirtschaftlich so gut geölten Beatles-Kosmos nicht zu dulden ist, wurde für eine Luxusausgabe eine zweite DVD dazugelegt, die neben Alternativfassungen der Hits auch „Strawberry Fields Forever“ enthält. Samt Video.

Wo liegt der Mehrwert dieser kleinen Filme? Viele von ihnen waren schon zu sehen, die Aufnahmen auf dem Dach des Apple-Hauses zu „Get Back“ sind legendär, auch der Clip zu „Let It Be“ im Abbey-Road-Studio ist bekannt, ebenso die Bilder von „Eleanor Rigby“ aus dem Kinofilm „Yellow Submarine“. Berührend wirken die - auch nicht neuen - Bilder zu „Something“, wo die Band nicht mehr geschlossen auftritt, sondern durch den Herbst mit ihren jeweiligen Partnerinnen turtelt oder tobt. Neu oder zumindest rar sind für Beatles-Fans vor allem jene Schwarz-Weiß-Filme zu den frühen Liedern, etwa der Mitschnitt aus dem schwedischen Fernsehen zu „She Loves You“. Das sind alte Videos ganz ohne Inszenierung, gute gelaunt bis alberne Bühnenshows in gut sitzenden Anzügen. Paul wackelt lustig mit dem Kopf, Ringo sowieso. Die Charaktere scheinen durch, ungeschminkter, als man das bisher kannte.

Im Jahr 1966 gingen sie letztmals auf Tournee, die Hysterie bei den Konzerten war zu groß, die Technik jener Zeit ließ es nicht zu, das Schreien der Fans mit der Musik zu übertönen. Mit „Ticket To Ride“ verlieren die Videos ihren Live-Charakter, werden erwachsener und zeigen Gestaltungswillen. Sie wurden zum Instrument der Vermarktung, da die PR der Bühnenshows nun fehlte. Die Mechanismen der modernen Musikindustrie begannen zu greifen. Das ist reizvoll zu beobachten. Vor allem aber hört man nun die alten Songs mit neuem Staunen, denn sie wurden noch einmal bearbeitet - die Beatles klingen jetzt annähernd so, als hätten sie ihre Musik in einem Studio unserer Zeit aufnehmen können.

The Beatles: „1.“ (CD mit DVD oder Blu-Ray, auch mit zwei DVD und Blu-Ray erhältlich). Universal.

von Lars Grote

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