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Kultur Restaurierung beschädigter Dokumente ist Aufgabe für Jahrzehnte
Nachrichten Kultur Restaurierung beschädigter Dokumente ist Aufgabe für Jahrzehnte
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08:27 03.03.2011
Von Simon Benne
200 Restauratoren ringen um das Gedächtnis der Stadt Köln.
200 Restauratoren ringen um das Gedächtnis der Stadt Köln. Quelle: dpa
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Für Historiker gehört es gewissermaßen zum Berufsbild, über den Tag hinaus zu denken. Besonders, wenn es um das Abarbeiten einer solchen Sisyphusaufgabe geht. „Um alle beschädigten Dokumente zu restaurieren, würde ein einzelner Mensch etwa 6300 Jahre brauchen“, sagt Claudia Tiggemann-Klein vom Kölner Stadtarchiv. „Um heute fertig zu werden, hätte er also irgendwann in der Jungsteinzeit anfangen müssen.“ Anders gerechnet: Um Kölns Vergangenheit für die Zukunft zu sichern, werden 200 Restauratoren 30 bis 50 Jahre lang zu tun haben. Und das wird rund 400 Millionen Euro kosten.

Dabei konnten weit mehr Dokumente gerettet werden, als die meisten Experten zu hoffen gewagt hatten vor zwei Jahren, an jenem 3. März, der für viele Archivare so etwas wie ein kultureller 11. September ist. An diesem Tag wurde Kölns Stadtarchiv buchstäblich vom Erdboden verschluckt. Nach U-Bahn-Bauarbeiten stürzte das ganze Gebäude mitsamt 30 Regalkilometern Akten, mit der Nobelpreis-Urkunde von Heinrich Böll und mit kostbaren mittelalterlichen Urkunden in einen gigantischen Krater. Zwei Menschen starben, Dutzende verloren ihre Wohnungen in angrenzenden Häusern. Das Gedächtnis der Stadt war von einer Minute auf die andere wie ­ausgelöscht. Oberbürgermeister Jürgen ­Roters, der heute einen Kranz zum Gedenken an die Toten niederlegen will, sprach jetzt von „einem der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte“.

Nach zwei Jahren konnten bislang immerhin etwa 85 Prozent der Archivalien geborgen werden, ein großer Teil davon ist schwer beschädigt. Fünf Prozent gelten als unwiederbringlich verloren. Etwa drei Regalkilometer Akten liegen noch in einem Krater voller Schlamm, Betonbrocken und Grundwasser – das entspricht der Größenordnung mancher kleinerer Stadtarchive. „Doch auch die Solidarität ist groß“, sagt Tiggemann-Klein. Archive aus halb Europa, darunter auch das Hauptstaatsarchiv Hannover, stellten Experten teils für Monate ab, um in Köln Urkunden aus dem Schutt zu klauben.

„Was genau noch fehlt, können wir allerdings noch immer nicht sagen. Wir wissen ja auch nicht ganz genau, was wir schon geborgen haben“, erklärt Tiggemann-Klein. Beim Einsturz wurden die Dokumente durcheinandergewirbelt wie eine Briefmarkensammlung in einem Orkan. Geborgene Stücke wurden teils nur grob gereinigt oder vom Schimmel befreit und dann auf zwanzig „Asylarchive“ von Schleswig bis Freiburg verteilt. Dort liegen auch zahlreiche Dokumente, die sich mit Wasser vollgesogen haben. Eilig wurden sie bei minus 30 Grad Celsius schockgefroren. Später sollen sie in einem Vakuum aufgetaut werden. Dabei wird das Eis sofort zu Wasserdampf; so wird den Papieren die Feuchtigkeit entzogen. Bei alledem war Erste Hilfe wichtiger als Sortieren. Es wird Jahre dauern, ein Gesamtinventar zu erstellen. Das kulturelle Gedächtnis der Stadt ist ­derzeit fragmentiert in Abertausende Puzzleteile.

Bei den Bergungsarbeiten kamen zuletzt vor allem Dokumente aus der Zeit nach 1945 ans Licht, momentan ist die Suche unterbrochen. Ehe sich die Helfer tiefer in das mit Akten, Beton und Matsch gefüllte Loch vorarbeiten können, müssen erst massive Trümmerteile beseitigt werden. Und solange dies nicht vorangeht, lässt sich auch die genaue Ursache der Katastrophe nicht ermitteln.

Fachleute vermuten, dass Mängel an sogenannten Schlitzwänden zum Eindringen von Grundwasser führten und dass dadurch ausgelöste Bodenbewegungen das Gebäude zum Einsturz brachten. Doch an die entscheidende Stelle im Krater konnten sie noch immer nicht vordringen. Immerhin soll noch in diesem Jahr ein „Besichtigungsbauwerk“ errichtet werden, eine Konstruktion, über die sich dann etwa Taucher mit Kameras an die möglicherweise defekten Schlitzwände vorarbeiten können.

Als sicher gilt bereits, dass Pfusch am Bau, Materialdiebstahl und Protokollfälschungen ihren Anteil an dem Unglück haben. „Kölscher Klüngel“, „rheinische Lässigkeit“ – der Fall des Stadtarchivs ist längst zum Menetekel dafür geworden, wie Schlampereien und Mauscheleien eine Stadt buchstäblich erschüttern, das Fundament einer Gesellschaft unterhöhlen und eine Kultur schier zum Einsturz bringen können. Mit entsetzlichen Folgen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt, etliche Gerichtsprozesse stehen ins Haus. Die Kölner Verkehrsbetriebe haben bislang rund 5,1 Millionen Euro an 200 Geschädigte ausgezahlt, doch insgesamt, so schätzt Oberbürgermeister Roters, wird die Katastrophe die Stadt wohl mindestens eine Milliarde Euro kosten: „Eine ungeheure Kraftanstrengung, die auch eine Millionenstadt manchmal vor die Grenze des Machbaren stellt.“

Ob das Grundstück an der Severinstraße jemals wieder bebaut werden kann, ist ungewiss. An einem anderen Standort, am Eifelwall, soll bis 2015 für mehr als 85 Millionen Euro ein 20 000 Quadratmeter großer Neubau entstehen, in den dann neben dem Stadtarchiv auch die Kunst- und Museumsbibliothek sowie das Rheinische Bildarchiv einziehen. Am Architektenwettbewerb beteiligen sich 45 Büros, bis Ende des Jahres soll der Sieger gekürt sein.

Die Restaurierung besudelter, durchnässter und zerfetzter Akten wird auch nach dem Umzug noch eine Aufgabe für Jahrzehnte bleiben. „Geborgen heißt noch nicht gerettet“, sagt Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia, die vor ihrem Wechsel nach Köln 2005 als Archivarin in Osnabrück und Braunschweig arbeitete. In Köln-Porz errichtet die Stadt jetzt immerhin ein eigenes Restaurierungszentrum, das in wenigen Wochen die Arbeit aufnehmen soll. Dort muss sich die Stadt dann in mühseliger Kleinarbeit ihr Gedächtnis zurückerarbeiten.

Ronald Meyer-Arlt 02.03.2011