Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Reza-Stück feiert Premiere in Berlin
Nachrichten Kultur Reza-Stück feiert Premiere in Berlin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 06.10.2012
Foto: Das neue Stück von Erfolgsautorin Yasmina Reza, "Ihre Version des Spiels", parodiert den Literaturbetrieb auf unterhaltsame Weise.
Das neue Stück von Erfolgsautorin Yasmina Reza, "Ihre Version des Spiels", parodiert den Literaturbetrieb auf unterhaltsame Weise. Quelle: photothek.net Fotoagentur
Anzeige
Berlin

Weshalb die Kammerspiele und nicht der große Saal? Diese Frage drängt sich angesichts der langen Warteschlange vor dem Deutschen Theater auf. Auch einige Rezensenten mussten am Dienstagabend wieder nach Hause gehen und konnten nicht über die Uraufführung von Yasmina Rezas neuem Stück „Ihre Version des Spiels“ berichten. Alle Oktoberaufführungen sind schon seit Wochen ausverkauft. Doch im Laufe des knapp zweistündigen Abends zeigt sich, dass diese kleine Bühne genau der richtige Ort für ein Reza-Werk ist: Weil sie Kammerspiele der Seele schreibt, weil sie auf furiose Weise im Schlagabtausch zwischen wenigen Personen eine Dramaturgie der Eskalation erzeugt, so dass am Ende all die Höflichkeitsfloskeln des zivilen Gebahrens ihrer Wirkung beraubt sind.

Es ist die wichtigste Berliner Uraufführung der Saison: Am Dienstagabend brachte das Deutsche Theater das neue Stück von Erfolgsautorin Yasmina Reza „Ihre Version des Spiels“ zur Premiere.

Zunächst scheint die Situation geregelt: Die etwas publikumsscheue Star-Schriftstellerin Nathalie Oppenheim (stilecht bis ins Detail: Corinna Harfouch) hat sich zu einer Lesung in der Provinz überreden lassen. Sie antwortet nur ungern auf Fragen zu ihrer Person. Schon gar nicht, wenn sie auf Parallelen zwischen ihrer Protagonistin, einer unglücklichen Schriftstellerin, die einen Mörder auf die Geliebte ihres Mannes ansetzt, angesprochen wird. Doch je öfter die aufstrebende Journalistin (Katrin Wichmann) nachhakt, desto öfter platzt es aus Nathalie heraus. Diese „herrschende Mode, alles auf den Autor zu beziehen“, diese Gleichmacherei, sie ertrage es nicht länger. Harfouch würgt diese Vorwürfe aus sich heraus wie eine am Tourette-Syndrom Erkrankte. Zwischen den Anfällen versucht sie vergeblich, ihre Countenance wieder zu finden.

Am Ende versuchen Rezas Figuren nicht länger, ihr Gesicht zu wahren, sondern zeigen ihr wahres Gesicht. Das war schon in ihrem Erfolgsstück „Gott des Gemetzels“ so, dem derzeit meistgespielten zeitgenössischen Stück auf deutschsprachigen Bühnen und darüber hinaus. Zwei Pärchen treffen sich da, um über den Streit ihrer Kinder zu sprechen. Was als harmloses Geplänkel beginnt, steigert sich zu einem Schlammduell der gegenseitigen Schuldzuweisung, bis alle Regeln des Benimms am Boden liegen. Roman Polanski hat das Stück mit Jodie Foster und Christoph Waltz verfilmt. Reza hat es also geschafft, den Trend der Filmadaption für die Bühne umzukehren und einen Stoff zu kreieren, der im Theater und auf der Leinwand gleichermaßen seine Wirkung entfaltet.

Ihr neues Stück parodiert zudem auf unterhaltsame Weise den Literaturbetrieb und seine Protagonisten. Wie Alexander Khuon als Lesungsveranstalter und Hobbyliterat Roland Boulanger in einer Mischung aus devotem Fanverhalten und Geltungssucht („die Bibliothek, die zu leiten ich die Ehre habe“) seine Samstags-Lesungen in der örtlichen Mehrzweckhalle anmoderiert, animiert zum Fremdschämen. Auch die selbstbewusste Journalistin Rosanna Ertel-Keval, die einfließen lässt, dass diverse Autoren schon Gedichte für sie geschrieben haben, belegt Rezas präzise Beobachtungsgabe. Die Schriftstellerin, die Harfouch zugleich schüchtern und kokett spielt, erinnert ein wenig an Reza selbst. Denn die in Paris lebende Autorin gibt kaum Interviews. Sie hatte sich Harfouch, die am Deutschen Theater bereits in Rezas „Im Schlitten Arthur Schoppenhauers“ spielte, ausdrücklich gewünscht.

Nebenbei formuliert Reza im neuen Stück auch einnehmende Gedanken zum Wesen der Poesie. Dass nämlich ein Sachverhalt erst durchs Erzählen zum Leben erweckt wird, indem die Menschen „ihre Version des Spiels“ verfassen. Der französische Original-Titel „Comment vous racontez la partie“ deutet noch eher darauf hin, dass jeder subjektive Bericht die Wirklichkeit verfälscht.

Regisseur Stephan Kimmig gestaltet seine Version des Spiels sehr behutsam und nah an der Vorlage. Er lässt die Schauspieler mit jeder Geste, jedem Stirnrunzeln eine Geschichte erzählen. Im Wechsel zwischen Lesepassagen aus Nathalies Buch „Das Land des Überdrusses“ und Bühnenspiel vermischen sich die Wirklichkeitsebenen auf reizvolle Weise.

Allerdings hätte das Stück vielleicht eher mit dem Ende der Lesung abbrechen sollen. Die ausufernde Aftershow-Party, in der mit dem auf PR bedachten Bürgermeister (Sven Lehmann) in den letzten zwanzig Minuten auch noch eine neue Person eingeführt wird, wirkt merkwürdig angehängt.

Nina May

„Ihre Version des Spiels“, Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin, Schumanstraße 13; Karten gibt es erst wieder für folgende Aufführungen: 10. November, 20.30; 12. und 24.11., je 20 Uhr; Karten unter 030 28441225; www.deutschestheater.de

03.10.2012
04.10.2012
Johanna Di Blasi 02.10.2012