Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Richard Fords neuer Roman "Kanada"
Nachrichten Kultur Richard Fords neuer Roman "Kanada"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:19 24.08.2012
Von Martina Sulner
Ruhig und unaufgeregt beschreibt Richard Ford das Land Kanada – so wie die Atmosphäre auf unserem Bild aus dem Nationalpark Algonquin-Park in Ontario.Jelena Altmann
Ruhig und unaufgeregt beschreibt Richard Ford das Land Kanada – so wie die Atmosphäre auf unserem Bild aus dem Nationalpark Algonquin-Park in Ontario. Quelle: Jelena Altmann
Anzeige
Hannover

Hier wird nicht lange drum herumgeredet: „Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten.“ Mit diesen Sätzen beginnt „Kanada“, der neue Roman des amerikanischen Autors Richard Ford. So dramatisch die Ankündigung auch ist, an dem Stil dieser Sätze erkennt der Leser auch: Hier schreibt einer in einer ruhigen, abgeklärten Sprache; fast meint man, jemanden reden zu hören, der die Geschichte seines Lebens erzählen will.

Das macht der Icherzähler Dell Parsons auch, doch geht es in erster Linie um wenige entscheidende Wochen. Der Raubüberfall war „die entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als Erstes erzählt wird, ergibt der Rest keinen Sinn.“ Auch das erfährt der Leser im ersten Absatz. Anschließend lässt Ford, einer der wichtigsten amerikanischen Autoren der Gegenwart, sich viel Zeit, die merkwürdige Geschichte der Parsons zu schildern.

Im Frühling 1960 sind Dell und seine Zwillingsschwester Berner 15 Jahre alt. Dell ist ein netter, naiver Junge, der in Great Falls, Montana, wo die Familie lebt, Außenseiter bleibt. Schon mehrmals musste die Familie umziehen, weil der Vater, angestellt bei der Air Force, regelmäßig versetzt wird. Die Ehe der Eltern hat sich als Missverständnis herausgestellt: Der Vater - ein attraktiver, nicht sonderlich gebildeter Südstaatler - und die Mutter - Jüdin und dem Leben skeptisch gegenüberstehend - haben sich nicht viel zu sagen und schotten sich nach außen ab. Freunde haben die Parsons nicht. Als der Vater, der herzliche Tunichtgut, seinen Job bei der Air Force quittiert, lässt er sich auf krumme Geschäfte ein und verliert Geld. Er verfällt der Idee, eine Bank auszurauben - und wird bald nach der Tat verhaftet.

Dell - und der Leser - kann diesen Banküberfall erst nicht begreifen: Die Tat ist dilettantisch geplant; die Mutter, die sich eigentlich gerade trennen will, macht bei der Aktion mit. Die Zwillinge stehen vor einem Rätsel und erkennen, dass sie ihre Eltern bis zu dem Zeitpunkt nicht gekannt haben.

Als die Eltern verhaftet werden, flieht Berner nach Kalifornien, und Dell wird von einer Bekannten über die nahe liegende Grenze nach Kanada verfrachtet. Dort lebt und jobbt er bei Arthur Remlinger, der ebenfalls vor Jahren aus den USA in den Norden geflohen ist. Dell ist von Arthur fasziniert. Obwohl (oder gerade weil) er dessen verderblichen Charakter erspürt, ändert das nichts an der Faszination, die der Mann auf ihn ausübt. Ähnlich, so zumindest kann man Richard Ford interpretieren, könnte es auch Dells Eltern gegangen sein, als sie ihre kurze Verbrecherkarriere starteten. Auch sie sind mit offenen Augen ins Verderben gelaufen, konnten sich vielleicht nicht gegen die Anziehungskraft des Bösen wehren. „Chronik eines Verbrechens, begangen von einem schwachen Menschen“ hat die Mutter ihre Aufzeichnungen genannt, in denen sie später Rechenschaft über ihre Tat ablegte.

Die Ereignisse des Jahres 1960 sind aus der Rückschau eines ungefähr 65-Jährigen erzählt. Doch ist das kein abgeklärter Blick zurück, sondern der Leser lernt die Gedanken- und Gefühlswelt des Jungen kennen. Nur ab und an sind Bemerkungen oder Reflexionen des alten Dell Parsons eingewoben.

Den 15-Jährigen treiben zwei Dinge um: „Woher weiß man, was wirklich mit einem geschieht?“, fragt er einmal, und an anderer Stelle heißt es: „Meinen Platz in der Welt zu finden, war mein sehnlichster Wunsch.“ Gerade darum geht es in „Kanada“ - wie schon in früheren Romanen des Autors. Ford erzählt auch in seinem aktuellen Buch von dem Versuch, mit den Zumutungen des Lebens klarzukommen, ohne dabei zynisch oder böse zu werden.

Im vergleichsweise ruhigen, unaufgeregten Kanada, so empfindet es der Icherzähler und wohl auch der Romancier, kann das eher gelingen als in den USA. Als Dell ums Jahr 2010 herum in die USA reist, ist ihm sein Heimatland fremd und suspekt geworden. Schilder mit Aufschriften wie „Abtreibung ist Mord“ und „Keine Steuern“, die er in Vorgärten von Wohnsiedlungen sieht, berühren ihn unangenehm.

In seinem vorigen, 2007 in Deutschland erschienenen Roman, „Die Lage des Landes“, hat Ford die Atmosphäre und manche ultrakonservative Auswüchse in den USA im Jahr 2000 beschrieben. Manchmal war das Buch dabei allerdings zu detailversessen und angestrengt geraten. Der aktuelle Roman dagegen ist stimmungsvoller und unverkrampfter: Auch in „Kanada“ erfährt der Leser viel über die Atmosphäre um 1960, doch erzählt Ford irgendwie liebevoller. Manche Passagen, in denen der junge Dell besonders schutzbedürftig wirkt, können dem Leser schier das Herz zerreißen.

Ford, geboren 1944 in Mississippi und seit Langem in Maine zu Hause, hat in seinen Büchern schon oft solche Jungen und Männer beschrieben, die den Leser berühren. Frank Bascombe etwa war solch ein Mann. In drei Bänden hat Ford die Geschichte Bascombes, der als Autor keinen anhaltenden Erfolg hat, dann Reporter und schließlich Makler wird, erzählt: in „Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“ und zuletzt „Die Lage des Landes“. Für den mittleren Band der Trilogie bekam der Autor 1996 den Pulitzerpreis und den PEN/Faulkner-Award. Danach wurde er auch in Deutschland bekannt. Die Startauflage für „Kanada“ liegt denn auch bei beachtlichen 100000.

Seit einigen Jahren zählt Ford - etwa neben Philip Roth, John Irving, Jonathan Franzen und Don DeLillo - auch in Deutschland zu den wichtigen amerikanischen Autoren, deren neue Bücher hier mit Spannung erwartet werden. „Kanada“ enttäuscht die Erwartung nicht: Es ist ein großer, reifer Roman.

Dell Parsons, der in Kanada bleibt und dort Lehrer wird, sagt seinen Schülern irgendwann, dass Hochstapelei und Täuschung zwei große Themen der amerikanischen Literatur seien. Er selber litt unter der Hochstapelei und Täuschung seiner Eltern und Arthur Remlingers. Doch Dell konnte sich retten: Er hat, wie er es sich wünschte, seinen Platz im Leben gefunden.

Rainer Wagner 24.08.2012
Ronald Meyer-Arlt 24.08.2012