Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Richard Wagner wurde vor 200 Jahren geboren
Nachrichten Kultur Richard Wagner wurde vor 200 Jahren geboren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:53 21.05.2013
Foto: Der Komponist Richard Wagner.
Der Komponist Richard Wagner. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Es ist ein vielsagender Zufall, dass Richard Wagner am 22. Mai 1813, mitten in die Wirren der napoleonischen Kriege hinein, geboren wurde: Die Selbsterfindung der Staaten Europas nahm hier ihren Anfang. Im Zuge des Aufbegehrens gegen den Korsen haben sich Sachsen und Bayern, Preußen und Württemberger ihres Deutschseins entsonnen – zum Unbehagen ihrer gekrönten Häupter, die es nach Napoleon wieder so schön haben wollten wie zuvor. Doch die nationale Saat war im Acker.

Wagner war eines bereits als Jüngling klar: Er wollte Deutschland ein Musiktheater schenken. Daran waren davor schon Große gescheitert. Schumann, Mendelssohn, Schubert und Weber. Auch diese Vertreter deutscher romantischer Kultur wollten nicht einfach Opern schreiben, sondern waren auf der Suche nach der charakteristischen deutschen Oper. Weshalb sie viel theoretisierten und sich nach ersten Anzeichen des Scheiterns zurückzogen auf vertrauteres Gelände, zu Lied, Sinfonie, Sonate, Streichquartett.

Hier liegt die Besonderheit Wagners, des von seiner Sendung Überzeugten: Systematisch hat er sich zuerst die Werkzeuge geschaffen, erst autodidaktisch, dann akademisch beim Thomaskantor Christian Theodor Weinlig. Danach hat er die Steinbrüche ins Auge gefasst: Mit den „Feen“ das Musiktheater der deutschen Romantik, mit dem „Liebesverbot“ die Arbeit der Kollegen in Italien und Frankreich im leichteren Fach, mit „Rienzi“ hat er Maß genommen an der historischen Oper.

Er hat das so Gelernte zum Personalstil zusammengeführt, der im „Fliegenden Holländer“ zur Entfaltung kam. Dazu kam mit dem „Tannhäuser“ die erste private Geschichts- und Mythenklitterung und der Aufbruch zur ganz großen Form. Im „Lohengrin“ tritt das explizit Romantische dazu, und das Orchester beginnt eigenständig zu erzählen. Während der Arbeit am Nibelungen-Ring, der Wagner über Jahrzehnte beschäftigte, reichte er die letzten Winkel der Chromatik, der unendlichen Melodie, der Leitmotivtechnik nach, die er im monumentalen Gelegenheitswerk „Tristan und Isolde“ zu Perfektion gebracht hatte. Auf den Gipfel des „Ringes“ folgte mit dem „Parsifal“ die Selbstauflösung. Hier zerstäubt das Musikdrama in einen neuen Mythos, zusammengerührt aus Schopenhauer und Buddhismus, Christentum und privater Scheinerkenntnis.

Ungeheuer mitteilsam ist dieser Mythos, ein wenig geschwätzig, raunend wie das Orakel der Griechen und die Nornen im „Ring“. Und dass ein jeder aus „Parsifal“ herauslesen kann, was er mag, sei es als Wagnerianer oder als Wagner-Hasser, als Atheist oder religiöser Schwärmer, das ist wohl der entscheidende Grund für die Faszination, die ausgeht vom Werk Richard Wagners. Denn so kann man es mit jedem seiner Werke halten. Was Wagner überdies beförderte mit dem manischen Bedürfnis, sich zu erklären. Nun kann ein Dichter in seine Werke packen, was er mag. Meist bleibt es folgenlos. Damit und mit Wagners eigenem Größenwahn ist nicht zu erklären, dass er das kulturelle Leben Deutschlands, Europas, der Welt veränderte. Denn bis heute gibt es in seinem Angesicht kaum Bewohner gemäßigter Zonen: Wagner hasst man. Oder Wagner liebt man.

Spätestens ab „Lohengrin“ sind seine Partituren von unantastbarer Genialität. Und, ja, seine Textbücher sind es auch. Natürlich ist es billig, sich lustig zu machen über das Stabgereime des „Rings“. Bei näherem Hinsehen aber gibt es in der Kultur- und Geistesgeschichte unseres Kontinents wenig, was damit vergleichbar wäre, wie dieser Mythos sich die eigene Sprache zeugt. Der anspielungsreiche Witz der „Meistersinger“, diese Musik über Musik und die Geschichte der Musik, die leidende Erotik des „Tristan“, das alles muss man nicht mögen. Aber wer die Qualität dieser Musik nicht erkennt, versteht nichts von Musik. Nur schrieb sie ein Scheusal. Ein glühender Antisemit, an dessen Auslassungen über „Das Judentum in der Musik“ es nichts zu relativieren gibt. Ja, Antisemitismus war salonfähig im werdenden und jungen Reich. Er lag in der Luft. Dennoch ist Wagner keineswegs nur mitgeschwommen, sondern hat sich als abscheulicher Pamphletist an vorderster Front hervorgetan.

Dass er dies aus persönlicher Befindlichkeit heraus tat, weil er neidisch war auf Meyerbeer oder Mendelssohn, das macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Und da Wagner Zeit seines Lebens nicht müde wurde, seine Weltanschauung, sein Denken und sein Werk als Einheit zu verkaufen, ließe man ihn allzu leicht wieder aus der Schlinge, folgte man der Argumentation seiner Verehrer, man müsse die Musik trennen von den menschlichen Defiziten ihres Schöpfers. Wenn dies bei einem nicht funktioniert, dann ist dies eben Richard Wagner.

Er wirkte in einer Zeit, als im deutschsprachigen Raum die Intellektuellen davon ausgingen, dass die Welt nicht nur am deutschen Geist genesen solle, sondern dass dazu besonders die Musik beitragen könne. Doch verstünde man seine Musikdramen als Theater und nicht als Gottesdienst, so suchten auch Regisseure bei ihm wieder häufiger nach Menschen und nicht nach Symbolen, Erleuchtung, Rettung gar. Und dann verlöre Wagner viel von seinem Schrecken.

Wie überhaupt es schön wäre, könnte man Wagner nach dem Jubiläumsjahr sozusagen eine Nummer kleiner haben. Nicht als Heilsbringer seiner Verehrer, nicht als Monster seiner Feinde. Es ist an der Zeit, den selbsternannten Erlöser zu erlösen von seinem Erlöser-Anspruch.

Feiern um den "Wagner-Wahn"

Hildesheim: Das Theater für Niedersachsen feiert in Hildesheim eine ganze „Wagner-Woche“, deren Höhepunkt eine Galavorstellung des „Fliegenden Holländers“ am 22. Mai, 19.30 Uhr, mit Wolfgang Schöne als Gast in der Titelrolle. Auch der ehemaligen Opernintendant Hans Peter Lehmann wird für Wagner die Stimme erheben: Er liest Wagner-Texte über Beethoven in Sinfoniekonzerten des TfN in Goslar (25. mai) und Hildesheim (26. Mai).

Hamburg: Die Staatsoper Hamburg verfällt gleich ganz in den „Wagner-Wahn“ und zeigt bis zum 2. Juni alle großen Opern unter Leitung von Simone Young. Am 22. Mai ist „Tannhäuser“ an der Reihe.

Braunschweig: In Braunschweig feiert man in kleinerem Rahmen: Am 22. Mai hat in der Hausbar eine „Richard-Wagner-Nabelschau“ von Patrick Wengenroth Premiere.  

Hannover: In Hannover bleibt man noch gelassener und wartet die nächste Großproduktion ab: Am 8. Juni kommt Olivier Tambosis Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ an der Staatsoper heraus. Vorher entdeckt die Pianistin Erika Lux den „jüdischen Wagner“. Am 25. und am 26. Mai spielt sie in der Villa Seligmann Werke jüdischer Komponisten in Bearbeitungen von Richard Wagner. Der hannoversche Richard-Wagner-Verband geht im Herbst in die Vollen und feiert „Ein Fest für Richard Wagner“, mit Vorträgen, einem wissenschaftlichen Symposion in der Musikhochschule und (gemeinsam mit Pro Musica) einem Festkonzert mit der NDR Radiophilharmonie und dem Mädchenchor am 20. Oktober.

Peter Korfmacher

Johanna Di Blasi 20.05.2013