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Kultur Rio Reisers Haus soll verkauft, sein Grab umgebettet werden
Nachrichten Kultur Rio Reisers Haus soll verkauft, sein Grab umgebettet werden
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09:00 05.02.2010
Wäre im Januar 60 Jahre alt geworden: Rio Reiser. Quelle: ap
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Der Traum vom Rückzugsraum für Kreative, von Landkommune und konkreter Utopie von einem Leben abseits gesellschaftlicher Normen – einer dieser Träume steht vor dem Aus. Nun bestätigte Funky K. Götzner, ehemaliger Schlagzeuger der Politrockband Ton Steine Scherben, und Gert Möbius, Bruder des bekannten und 1996 verstorbenen Sängers Rio Reiser, dass das Künstler­gelände Fresenhagen samt Rio-Reiser-Haus verkauft werden soll. Den Erben der Scherben ist für die letzte Ruhestätte Reisers das Geld ausgegangen.

Die Immobilie im Kreis Nordfriesland wird gerade im Internet als „Künstler­domizil in einem reetgedeckten Friesenhof“ von einem Makler angeboten. Der Kaufpreis beträgt 450. 000 Euro, es gibt erste Interessenten. Das Grab von Reiser auf dem 26.000-Quadratmeter-Areal müsste umgebettet werden.

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Verkäufer des Grundstücks sind Rio Reisers Brüder Gert und Peter Möbius. Für Gert Möbius liegt der Verkauf in den Kosten begründet. „Ich sehe keine Möglichkeit mehr, die Kosten für den Betrieb zu decken“, sagte er gestern. Lange habe er Veranstaltungen auf dem Bauernhof, Personal für Museum und Café von Berlin aus mitgetragen, aber nun gehe ihm das Geld aus: „Ich kann doch nicht Insolvenz beantragen.“ Er habe sich an Sponsoren und Politiker gewandt. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) ließ aber nur ausrichten, dass man da nichts machen könne. „Ich bin verzweifelt“, sagte Möbius. Vermutlich werde ein Museum in Berlin besser besucht, Fresenhagen liege einfach etwas zu weit draußen. Allein in den vergangenen zwei Jahren habe er 80.000 Euro aus Plattenverkäufen in den Hof gesteckt, „aber mit dem Zusammenbruch der Musikindustrie fehlt mir dieses Geld nun“. Er hofft auf einen Käufer, der den Hof im Sinne der Band nutzt. „Natürlich macht mich die ganze Situation betroffen, aber dies ist ein Hilferuf – ich weiß nicht weiter“, sagte er. Wenn der Hof verkauft wird, möchte er Reiser nach Berlin umbetten lassen, auf einen Friedhof in Berlin-­Mitte, wo Reiser getauft wurde. „Aber darüber möchte ich noch nicht konkret nachdenken müssen“, sagte Möbius.

„Wir haben weder Geld noch Ideen, um den Verkauf abzuwenden“, sagt Scherben-Schlagzeuger Götzner. Der frühere Gitarrist Ralph Peter Steitz („Lanrue“), der den Hof zuletzt bewohnte, ist bereits wieder zurück nach Berlin gezogen.

Fresenhagen wurde 1975 zum Fluchtpunkt für Ton Steine Scherben, nachdem die Band in Berlin fast völlig von der politisierten linken Szene vereinnahmt worden war. Die Musiker sehnten sich nach Ruhe und fanden sie auf einem Bauernhof, den sie für 50 000 Mark kauften. 1982 zog auch die damalige Scherben-Managerin Claudia Roth nach Fresen­hagen und traf auf Musiker in einer kreativen Krise. Nur Reiser verdiente mit Soloprojekten und Songs wie „Junimond“ und „König von Deutschland“ Geld. 1996 starb der Sänger an Herz-Kreislauf-Versagen, die Reiser-Familie stritt sich mit der Band um das musikalische Erbe, und Reiser wurde per Sondergenehmigung von Ministerpräsidentin Heide Simonis auf dem Gelände unter einem Apfelbaum begraben. Ein Café wurde eröffnet, ein Museum eingerichtet, Tonstudios aufgebaut, jedes Jahr gab es Festivals. Die Grabstätte wurde zum Wallfahrtsort für Fans.

Am 9. Januar wäre Rio Reiser 60 Jahre alt geworden. Nun wird sein Hof verkauft, und seine Brüder streiten weiter über den Vertrieb der Scherben-Alben, was künftige Neuauflagen verhindern könnte. Es wäre Zeit für ruhige, klare Gedanken. Den passenden Rückzugsort gibt es vielleicht bald nicht mehr.

Jan Sedelies

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