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Kultur Robbie Williams: Die Rückkehr des Königs
Nachrichten Kultur Robbie Williams: Die Rückkehr des Königs
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22:16 05.11.2009
Von Uwe Janssen
Der britische Sänger Robbie Williams veröffentlicht am Freitag sein neues Album „Reality Killed The Video Star“. Quelle: ddp
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Comeback dagegen klingt flott und ist positiv aufgeladen, wer Comeback sagt, meint ein gelungenes Comeback. Außerdem wohnt dem Wort ein Flehen inne: „Komm zurück!“

Dass der Begriff mittlerweile dank inflationären Gebrauchs inhaltlich ausgehöhlt und völlig beliebig geworden ist – geschenkt! Comebacks gab’s früher im Sport, heute wimmelt es in der Showbranche nur so von Comebackern. Vor allem natürlich in der Musik. Ein Comeback wird gefeiert, Feiern ist immer gut, und es gucken einfach ein paar mehr Leute. Pop- und Schlagerstars wie Tina Turner und Howard Carpendale treten zurück, um dann ein – natürlich triumphales – Comeback zu feiern. Altrocker wie Police oder Genesis formieren sich zu sensationellen „Jahrhundertcomebacks“ – nicht, um neue Musik zu machen, sondern um mit den alten Hits den nostalgiebesoffenen Fans für Konzertkarten astronomische Preise aus der Tasche zu ziehen und ihnen hinterher auch noch die Live-DVD und das x-te Best-of-Album unterzujubeln.

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Selbst das abenteuerliche Vorhaben, den gesundheitlich angeknockten Michael Jackson durch 50 Großhallenshows zu treiben, um mit dem Erlös aus Eintritt und Folgeprodukten wenigstens einen Teil seiner Schulden zu tilgen, wurde glamourös als Comeback etikettiert. Dass es nun statt Show sein Tod ist, der den Rubel rollen lässt, ist eine wirklich bittere Ironie, führt aber in der ebenso emotionsschürenden wie emotionslosen Vermarktungsstrategie zum gleichen Ergebnis. Vielleicht sogar zu einem besseren.

Wie mag einer wie Robbie Williams wohl über all das denken? Wenn einem Comeback auch die Ungewissheit vorausgeht, ob es wirklich dazu kommt, kann man bei ihm tatsächlich von einem Comeback sprechen. Denn vor dem künstlerischen stand zwingend ein anderes – das des Menschen Robbie Williams, dessen überdimensionale Showgröße den Blick auf einen einsamen Privatmenschen verstellt hatte. Mitte des Jahrzehnts war eine Popwelt ohne Robbie Williams eigentlich nicht vorstellbar: Platten, Tourneen, Werbung, das übliche Celebrity-Schlagzeilengewitter und eine Allgegenwart im Radio. Doch dann, 2006, sprang er plötzlich raus aus dem Hamsterrad, mitten in einer Tournee, und ließ sich anschließend in einer Klinik wegen Medikamentensucht behandeln. Plötzlich hatten es alle geahnt. Das hatte alles auf gar keinen Fall gut gehen können. Es sah nach einem Scheitern aus, das in der Branche auf diesem hohen Niveau seit Kurt Cobain selten geworden war. Und Michael Jacksons Abstieg vom Popking zur bedauernswerten Kreatur hatte sich über Jahre hingezogen.

Doch Robbie Williams ist wieder da und bemüht, seine Pause wie eine Pause aussehen zu lassen. Ganz der Alte will er sein. Superstar again. Der Aufmischer, Ladykiller, Massenbeweger. Und bislang ist ihm das auch redlich gelungen. Der Aufschlag ist mächtig: Exklusivkonzert in London, weltweit in ausgewählte Kinos übertragen, Gratiskurzkonzert in Berlin, erst Zu-, dann Absage der MTV-Awards an gleicher Stelle, Interviews über Interviews, am Sonnabend gastiert er bei „Wetten, dass ...?“ in Braunschweig. Und man darf schon wieder gespannt sein, welche Faxen er sich in dieser Live-Show ausdenkt. Unberechenbarkeit ist eines seiner Markenzeichen. War es jedenfalls. Der Medienreflex ist immer noch der gleiche. Williams zuckt, und alle finden es wichtig.

„Gut“ fühle er sich, beteuert er dann in Interviews, weist aber auch immer wieder auf den selbstzerstörerischen Charakter hin, den er bei sich entdeckt hat. Dass er diese Zerrissenheit auf seinem neuen Album „Reality killed the Video Star“ thematisch auswalzt, war nicht unbedingt zu erwarten. Ein Seelenstriptease ist es tatsächlich nicht, aber ein musikalisch unentschlossenes, zögerliches, ebenso zerrissenes Werk. Ein gutes Dutzend Songs, kein homogenes Gebilde, sondern eher als bunte Tüte angelegt, aus der sich jeder seinen Robbie raus­suchen kann. Wer dachte, Williams gehe konsequent den Weg des Vorgänger­albums „Rudebox“ weiter, sieht sich getäuscht. Dabei hatte er 2006 mit der Idee, Stadionrockgitarren gegen Synthesizer zu tauschen, einen 80er-Revivaltrend vorweggenommen, dem später so prominente Bands wie Franz Ferdinand, Killers oder just die Editors folgten.

Plastikdisco-Sound gibt’s diesmal auch, wie die Single „Bodies“ bereits andeutete. Doch Williams kehrt mit Melodien wie „Superblind“, „Blasphemy“ oder „Morning Sun“ zur großen Geste zurück wie in einen sicheren Hafen. „Do you mind?“ ist sogar ein Rocksong, doch er wirkt wie von der Stange. Da ist nichts mehr von der Brust-raus-Attitüde eines Songs wie „Let me entertain you“, mit dem Williams auf der Bühne zu verschmelzen schien. „Reality killed the Video Star“ ist ein großer Kompromiss, eine musikalische Wiedereingliederungsmaßnahme, keine Großtat – und eine Offenbarung schon gar nicht. Aber was soll’s: Für kommerziellen Erfolg sorgen ein paar hittaug­liche Radiosongs. Und den Rest wird der Mann schon auf der Bühne rausreißen. Oder?

Das wirklich Faszinierende an Robbie Williams waren nie seine Lieder, sondern die Art, wie er sie interpretiert. Lieder wird ihm immer jemand schreiben. Für die Darbietung ist er selbst verantwortlich. Hier lauert die Gefahr im ­Superstargewerbe: Sollte er sein Pulver verschossen haben? Sollten wir uns etwa sattgesehen haben an ihm? Dann wird die unbarmherzige Showwelt sich auf die Suche nach dem nächsten Popkönig machen. Nach dem Nachfolger des Nachfolgers für Jacko. Williams hat es selbst in der Hand, auf dem Thron zu bleiben. Und ein echtes Comeback zu feiern. Morgen Abend in Braunschweig geht’s los.

Am Sonnabend gegen 23.10 Uhr zeigt der neue digitale Kanal ZDFneo das Londoner Konzert vom 20. Oktober. Im Hauptprogramm des ZDF ist es ab 0 Uhr zu sehen.

Stefan Stosch 04.11.2009