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Kultur 50 Jahre Bundesliga in einer Person
Nachrichten Kultur 50 Jahre Bundesliga in einer Person
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00:15 25.07.2013
Von Uwe Janssen
Aufstand in Nürnberg. Nur Fred Klaus, Frank Nitsche, Reiner Geyer, Dieter Eckstein und Rudi Stenzel (von links) waren bereit, am Training von Heinz Höher (ganz links) teilzunehmen. Quelle: imago/Kicker
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Immer wieder die besten Szenen, die größten Namen. Heinz Höher ist nicht dabei. Er gehörte nicht zu den großen Namen, er war keiner für legendäre Szenen. Heinz Höher ist Fußballfans ein Begriff, so wie es dereinst vielleicht Dieter Hecking sein wird. Guter Spieler, guter Trainer, aber keiner für die ganz großen Schlagzeilen.

Und das wäre wohl auch so geblieben, wenn Heinz Höher nicht eines Tages die Telefonnummer von Ronald Reng herausgesucht hätte. Höher hatte entschieden: Dem erzähle ich meine Geschichte! Der Autor, Sportjournalist und Verfasser einer bemerkenswerten Biografie über den verstorbenen Robert Enke hörte zu. Als Höher, Jahrgang 1938, dann mit einem Rucksack voller Zeitungsausschnitte und Fotos und einem Kopf voller Erinnerungen bei ihm in Barcelona auftauchte und zu erzählen begann, begriff Reng, dass sich an der Geschichte von Heinz Höher auch die Geschichte der Bundesliga erzählen lässt. Es ist nicht die Geschichte, die wir schon kennen. Es ist wie ein Mannschaftsfoto von hinten, bei dem man im Gegensatz zu der schablonenhaften Vorderansicht erkennt, wie ein Spieler in der hinteren Reihe die Hose heruntergezogen hat.
Diese Geschichte spielt auch nicht in München oder Köln oder Hamburg oder Mönchengladbach. Sondern in Bochum und in Nürnberg. Und in Meiderich, dem „M“ im späteren MSV Duisburg, wo der Leverkusener Höher zum Fußballprofi wurde und bei der Geburt der Bundesliga dabei war – anders als der FC Bayern, damals nur dritte Kraft im Freistaat und Opfer der Proporzverteilung bei der Vergabe der ersten 16 Bundesligatickets. Höher, der dribbelstarke, flinke Außenstürmer, hatte ein Angebot der Bayern abgelehnt. Er spielte nun in Meiderich mit Helmut Rahn, dem mittlerweile alten, übergewichtigen und immer noch bierdurstigen WM-Helden, den man als Zirkusattraktion nach Duisburg geholt hatte, um ein bisschen Glamour zu versprühen und Zuschauer zu locken.

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Von Beginn an ist „Spieltage“ auch die Geschichte von zwei Bier und einem Klaren. Höhers Abendgedeck, das das so ideenreiche wie arbeitsscheue Fußballtalent sich gern zum Tagesabschluss gönnt. Erst manchmal, dann immer öfter. Schon als junger Spieler verliert er den Führerschein wegen Trunkenheit, als Trainer wird er zum Alkoholiker, der Whisky aus der Flasche trinkt und bei einem Weinfest in der Bretagne zwei Franzosen nacheinander unter den Tisch säuft. Reng beschreibt Höher als äußerlich ruhig und innerlich zerrissen, ein Mann, der sich selber Briefe schreibt und eine Fantasiefigur erfindet, mit der er sich laut unterhält, um seine Gedanken zu strukturieren: Herr Winzlinger. Einmal, als Höher einen Trainerlehrgang bei Hennes Weisweiler macht und Bammel vor der Praxisprüfung hat, berät er sich in der Nacht zuvor mit Herrn Winzlinger. Und besteht. 

Zum Autor

Ronald Reng, Jahrgang 1970, arbeitet als Autor und Sportjournalist, unter anderem auch für die HAZ. Als Buchautor wurde er mit dem Buch „Der Traumhüter“ über einen jungen deutschen Torwart, der durch viele Zufälle ein Spiel in der englischen Premier League machen darf, bekannt. 2010 arbeitete er das Leben des gestorbenen 96- und Nationaltorhüters Robert Enke auf – mithilfe dessen Ehefrau Teresa. 2007 nahm Reng in Klagenfurt am Wettlesen um den Bachmann-Preis teil. Am 6. November um 20.30 Uhr liest er in der hannoverschen Buchhandlung Lehmanns, Georgstraße 10, aus „Spieltage“.

Und so tun sich aus der Sicht des glamourfreien Heinz Höher Anekdoten, Geschichten und Dramen auf, die Reng sehr elegant zu einem breiten Blick auf die Entstehung und Entwicklung des Profifußballs in Deutschland verbindet. Eine Welt, in der es von Anfang an auch um Geld geht, um immer mehr Geld, in der es von Anfang an Spielervermittler gibt, die „Fußballmakler“, wenn auch anfangs nur drei. Eine Welt, die nicht mehr die Welt von Sepp Herberger ist. „Menschenhandel!“ schimpft der Wundertrainer, und Höher wird klar, dass der deutsche Fußball sich aus der moralischen Duckhaltung der Nachkriegszeit erhebt und langsam zu einer selbstbewussten Wirtschafts- und Unterhaltungsmaschine wird. Und dass der deutsche Fußball in zwei Epochen geteilt ist: die mit und die nach Herberger.
Plötzlich geht es um Spielergehälter, um Wechsel ins Ausland – was in Meiderich zuvor schon ab 75 Kilometer Entfernung begonnen hatte. Und es geht um eine neue, unbekannte Gefahr, von der nun die Rede ist: Doping. „Aber was Doping eigentlich war, wurde in keinem Regelwerk definiert. Aus was Doping bestand, erläuterten die Zeitungen nie. Es war nur ein dunkles, geheimnisumwittertes Wort.“

Journalist Reng wirft auch einen ebenso wichtigen wie interessanten Blick auf den Wandel von der nüchternen Sportberichterstattung zu einer neuen Medienrealität. Die Innovatoren, ja, die Rebellen – man muss sich das wirklich klarmachen – kommen zu jener Zeit vom ZDF: Das neue „Aktuelle Sport-Studio“ lädt sogar Fußballer zu Interviews ein. Und die ARD-Kollegen staunen: „Wie wollten diese Banausen da ihre journalistische Unabhängigkeit bewahren, sich nicht gemein machen mit dem Sport?“
Heinz Höher ist ein eher seltener Interviewgast. Er wird nach seiner Spielerkarriere arbeitslos, was für den verheirateten Familienvater und passionierten Kartenspieler Geldnot bedeutet. Für den Mittdreißiger erfindet man 1970 den Assistenztrainerjob. Höher sprüht vor modernen Ideen, traut sich aber nicht, Cheftrainer Hermann Eppenhoff dessen Vorkriegsmethoden vorzuhalten. Nach einem ausführlichen nächtlichen Gespräch mit Herrn Winzlinger schreibt Höher Eppenhoff einen Brief, in dem er einen Vergleich zu anderen Mannschaften zieht: „Gegen diese Düsen-Jets wirken unsere Spieler höchstens wie zweimotorige Flugzeuge. (...) Meine unbescheidene Bitte: Übergeben Sie mir die konditionelle und athletische Ausbildung unserer Spieler, und ich halte in acht Wochen meinen Kopf dafür hin, daß wir eine austrainierte Mannschaft haben.“ Er bekommt die Ersatzspieler zugeteilt und wird zwei Jahre später Cheftrainer in Bochum.

Er bleibt länger dort als jeder andere. Und er ist auch der Grund, warum im Februar 1976 das Spiel gegen Schalke wegen Glatteis ausfällt. Höher hat in der Nacht zuvor die Strafräume eigenhändig gewässert. Das Spiel wird in Dortmund nachgeholt, weil das viel kleinere Bochumer Stadion umgebaut wird. Macht die dreifache Einnahme.

Hier und in Nürnberg, wo er sogar eine Spielermeuterei übersteht, verbringt Höher die längste Zeit als Trainer. Wo auch immer er ist, der Alkohol und sein Spieltrieb, jetzt in Kasinos, bleiben seine Begleiter. 1990 stirbt sein Sohn nach einem  Autounfall, der Fußball ist plötzlich ganz weit weg. Doch er versucht es trotzdem wieder. Die Jobsuche ist Teil seines Lebens. Er arbeitet in Griechenland und in Saudi-Arabien, immer nur kurz. „Heinz Höher“, so schreibt Reng, „wurde der, der immer beinahe den Zuschlag erhielt.“
Der Autor hat für „Spieltage“ nicht nur mit Höher und seiner Familie, sondern mit Dutzenden von Zeitzeugen gesprochen. Dank penibler Recherche und einer äußerst lebhaften Schilderung baut er 50 Jahre Bundesliga aus einer Person heraus neu auf – jenseits der Medienrealität. Repräsentativ? Vielleicht. Wichtiger ist: Man mag ein kurzweiliges Buch lang glauben, dass Fußballer doch wie du und ich sind.
Ronald Reng: „Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga“. Piper. 480 Seiten, 19,99 Euro.

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