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Kultur Reise durch die innere Provinz
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20:09 03.04.2015
Außen klinisch, innen kaputt: Rose Bernd und Dr. Flam, gespielt von Wolfram Koch und Jacqueline Macaulay.
Außen klinisch, innen kaputt: Rose Bernd und Dr. Flam, gespielt von Wolfram Koch und Jacqueline Macaulay. Quelle: Janfeld
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Hannover

Die Geschichte hinter der Geschichte wartet noch auf ihre Verfilmung. Dabei bietet sie viel: den späteren Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann als Geschworenen in einem Gerichtsprozess zu Beginn eines neuen Jahrhunderts. Eine Kindsmörderin, deren tragischer Hintergrund Bände erzählt über bürgerliche Doppelmoral, gesellschaftliche Zwänge und die Tragik provinzieller Beschränktheiten. Einen Freispruch nicht zuletzt durch Hauptmanns Einwirken. Und den folgenden preußischen Justizskandal. Und schließlich die unmittelbare, fast getriebene Umsetzung der Hintergründe in das naturalistische Drama „Rose Bernd“. Das ist die Art von Stoff, aus dem große Filme wie „Capote“ über das Entstehen des Bestsellers „Kaltblütig“ gemacht sind.

Gerhart Hauptmann selbst, der von den Anfängen des neuen Mediums fasziniert war, schrieb sogar eigene Filmszenarien, die jedoch nie realisiert wurden. Wie sehr filmisches Erzählen nach hundert Jahren unsere Wahrnehmung prägt, zeigte am Mittwoch im Schauspielhaus Frank Hoffmanns Inszenierung von „Rose Bernd“, 2013 für die Ruhrfestspiele Recklinghausen entstanden. Zwei Stunden Theater ohne Pause mit abstrahiertem Spiel, minimalistischer Bühne und verfremdeten Sound verwandeln sich dank eines brillanten und zurecht bejubelten neunköpfigen Ensembles in einen narrativen Sog, in dessen beklemmender Verdichtung Zeit und Raum schnell vergessen sind. Die Geschichte wird zum Thriller, ohne dabei ihre Relevanz einzubüßen. Die bürgerliche Gesellschaft vermag sich in all ihrem Horror zu präsentieren.

Zu diesem Erlebnis tragen viele sorgsam entwickelte Details bei. Hauptmann schrieb sein Stück im schlesischen Dialekt des Ortes, an dem er dessen wahre Geschichte erlebt hat. Frank Hoffmann und sein Dramaturg Andreas Wagner übertrugen es Wort für Wort ins Hochdeutsche, behielten die authentischen Satzstrukturen jedoch bei. Das erzeugt Künstlichkeit und Vertrautheit zugleich. Und es erlaubt, mit Sprechhaltungen zu spielen, von Wortlosigkeit über steife Ruckartigkeit und Slapstick bis hin zu verbalen Erschütterungen von nachhaltiger Wucht. Solche Verzerrungen finden ihre Entsprechung in Körper- und Spielhaltungen, in Standbildern und Zeitlupen, in choreografischen Miniaturen.

Die Bühne ist nüchtern, fast leer, eine Projektionsfläche für (Licht-)Stimmungen. Doch sie hat doppelte und dreifache Böden, erweitert sich im Verlauf des Dramas in die Tiefe und gibt Abgründe frei. Dass sie dabei mit ihren weißen Flächen oft an eine Klinik erinnert, ist kein Zufall. Zum einen ist „Rose Bernd“ die Geschichte einer Frau, der nur der Weg in den Wahn bleibt. Nicht zuletzt entstand das Stück genau zu der Zeit, in der Sigmund Freud seine erste Professur erhielt. Zum anderen hat die Bühne Ben Willikens entworfen, der als bildender Künstler für seine kühlen, anonymen Idealräume bekannt ist, mit denen er sich seit einem eigenen Klinikaufenthalt beschäftigt.

Hinzu kommen musikalische Versatzstücke und Sounds von René Nuss, in denen sich all die Unausweichlichkeit, Zerrissenheit und zunehmende Düsternis des Geschehens mit großer Subtilität ausdrückt. Das ist manchmal nicht mehr als ein Schleifen, Zirpen oder Koppeln. Dann wieder lakonisches Bandoneon oder melodramatische Orgel. Es ist ein Soundtrack, irgendwo zwischen David Lynchs filmischen Mysterien und den, von Astor Piazzolla vertonten, zerstörten Räumen in „Sur“ von Fernando Solanas, in denen sich die Überlebenden nur noch verlieren können. In „Rose Bernd“ verliert sich jeder auf seine eigene Weise. Provinz, Exil und Gefängnis sind keine äußeren Phänomene, sondern Haltungen - Orte, die jeder in sich selbst trägt. Ein Freispruch vor Gericht wie jener, den Gerhart Hauptmann in Schlesien erstritt, ist ein Signal an die moralisch verstrickte bürgerliche Gesellschaft, damals wie heute. Erlösung hingegen verspricht er nicht.

Von Thomas Kaestle

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