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22:50 12.12.2013
Von Uwe Janssen
Wirft Fragen auf: AnNa R. mit Gleis 8 im Capitol. Quelle: Uwe Dillenberg
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Hannover

Ganz früher hat AnNa R. mal in der „Schwulen Sau“ gespielt. Ganz früher heißt: Mitte der neunziger Jahre, da war sie mit Peter Plate zusammen Rosenstolz, und Rosenstolz war frech, schwülstig und Kleinkunst. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, irgendwann war Rosenstolz Mainstream und Großkunst, jedenfalls von der Zugkraft her.

Ebenfalls nicht vorstellen kann man sich AnNa R. vor ein paar Hundert Leuten in einem halb leeren Capitol. Aber sowohl ihr Bühnenpartner Peter Plate als auch sie müssen als Solokünstler derzeit die Erfahrung machen, dass die Marke Rosenstolz viel mehr war als die Summe ihrer Teile. Und auch wenn die treuen Fans das Konzert von AnNas neuer Band Gleis 8 frenetisch abfeierten – man ahnt, warum der Laden nicht voll ist.

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Wenn Sänger von Bands ihr eigenes Ding machen, wählen sie oft ganz bewusst einen völlig anderen musikalischen Weg, um nicht doch wieder da zu landen, wo sie herkommen. Bei den Songs von Gleis 8 klingt erst mal alles sehr vertraut. Natürlich vor allem der markanten Stimme wegen. Aber auch die Texte sind nach alten Mustern gebaut, mit ihren Trostspenden für alle Lebens- und Gemütslagen und den Sinnfragen aus dem Satzbaukasten. „Bleibt das immer so?“, „Was muss sich ändern?“, „Wo sollen wir hin?“, „Weißt du, wer ich bin?“. Antworten? Kriegt keiner. Will keiner. Braucht keiner. Aber fragen kostet ja nichts.

Wenn es bei Rosenstolz textlich ein wenig ins Beliebige abdriftete, war es immer Peter Plate, der mit seinen gleichermaßen melodieseligen als auch tanztauglichen Kompositionen und einem ganz unverkrampften Verhältnis zum Kitsch das Ruder herumriss und hinter dem Keyboard hüpfend auch die großen Säle in Partyhallen verwandelte. Die Musik von Gleis 8 ist nüchterner. Man kann auch sagen: langweiliger. Zwar bringen eine Harfe (!) und – fast nostalgisch – ein Saxofon ein bisschen Abwechslung, aber die Songs packen nicht zu. Immerhin bemüht sich die Sängerin, das Publikum ins Boot zu holen, was auch meist gelingt, dennoch wirken die Lieder heruntergespielt. Besonders bemerkenswert ist das bei Coversongs wie Grönemeyers „Ich dreh mich um dich“, das die Band schneller spielt als das Original und dem Titel genau dadurch die kompositorische Essenz, die an- und abschwellende Spannung, nimmt.

Ihren Namen hat die Band, der drei weitere der insgesamt acht Musiker auf der Bühne fest angehören, weil AnNa. R.  während der Fahrten zu den Proben immer auf Gleis 8 wartete. Vielleicht hat der Erfolgszug einfach nur Verspätung.

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