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Kultur Buchbinder beendet Beethoven-Zyklus
Nachrichten Kultur Buchbinder beendet Beethoven-Zyklus
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22:14 16.11.2015
Rudolf Buchbinder am Flügel. Quelle: dpa/Archiv
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Hannover

Der Abschluss war kurz und bündig. Und er war schlüssig. Rudolf Buchbinder geht nicht chronologisch durch den Kosmos der beethovenschen Klaviersonaten. Er ordnet die 32 Sonaten nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Dass zum Abschluss im siebten Konzert seines Zyklus dann aber doch wohlgeordnet die drei letzten Sonaten präsentiert werden, das ist naheliegend. Denn einerseits steht diese Trias für sich. Andererseits sind diese Sonaten bei aller Individualität im Geist des Fragens, der pianistischen Selbstvergewisserung und des Abschiednehmens so ineinander verwoben, dass es fast zwingend erscheint, sie auch ohne Pause zu präsentieren.

So dauert dieses Konzert dann eine gute Stunde – und niemand hat das Gefühl, ihm fehle noch etwas. Allerdings beginnt der Reigen etwas diffus. Dieses merkwürdige schwebende, sich wiegende Anfangsmotiv, das keinen Beginn und kein Ziel zu haben scheint, bleibt vage. Das klingt dann fast chopinhaft. Das liegt vielleicht auch daran, dass Buchbinder bei diesem aktuellen Zyklus zum jeweiligen Konzertbeginn immer wieder etliche Takte braucht, bis er sich und seinen Ton im Großen NDR-Sendesaal justiert hat (oder müssen wir uns jedesmal an Buchbinders Klang gewöhnen?).

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Aber spätestens im Prestissimo von Opus 109 herrscht Klarheit. Dann schärft er rhythmische Akzente zu und schlägt so einen Bogen zur abschließenden Arietta des Opus 111, in dem Beethoven sich als Pate des Boogie-Woogie zu erkennen gibt. Das spielt Buchbinder, der Gershwins Klavierkonzert sehr schätzt, genüsslich aus.

Bei aller Liebe zur Pointiertheit kommt an diesem Abend die Sinnsuche nicht zu kurz. Buchbinder ist schließlich nicht nur der Schriftgelehrte der Wiener Klassik, der so ziemlich jede Notenedition der Beethoven-Sonaten kennt und einzuschätzen weiß, er kennt auch die Schatten hinter den Notenlinien. Dann klingt der dritte Satz der E-Dur-Sonate wie ein Lied ohne Worte. Doch hätte es einen Text, würde der wohl von Wehmut erzählen. Buchbinder überreizt die vom Komponisten geforderte „innigste Empfindung“ nicht, er singt, aber er schluchzt nicht.

Die Spielanweisung für den Beginn der As-Dur-Sonate op. 110 beschreibt die Spannweite seiner Beethoven-Interpretation präzise: „moderate cantabile molto espressivo“.
Dass Beethoven hier die Bilanz seiner Auseinandersetzung mit dem Genre Klaviersonate zieht, verleitet Buchbinder nicht dazu, mit Ausrufezeichen um sich zu werfen. Der Kopfsatz der allerletzten Sonate, der schließlich Feuer (con brio) und Leidenschaft (appassionato) bergen muss, kontrastiert die Momente des Auftrumpfens immer wieder mit Takten der Selbstbefragung.

Der Schlusssatz ertönt wundersam rätselreich, lässt erkennen, wie sich Beethoven mit Schwung über Abgründe retten will. Und am Ende im Absang landet. Wenn dann das Pianissimo verklungen ist, kann das lobenswert konzentriert mitgehende und kaum hustenhörbare Publikum ausatmen und aufatmen. Ein Kreis hat sich geschlossen.
Jubel, Ovationen im Stehen, aber keine Zugabe. Was sollte jetzt auch noch kommen?

Es könnte allenfalls wieder von vorne anfangen. Buchbinder wäre es zuzutrauen. Und seine vielen Bewunderer würden gewiss mitmachen.

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