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00:15 04.11.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Ein Elefant auf der Bühne? In „Shockheaded Peter“ zeigt Erik Ulfsby starkes Demonstrationstheater. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Was im Theater alles geht: Ein Elefant kann über die Bühne trotten, ein Mädchen kann verbrennen, dass nur noch zwei rote Schuhe und ein Häufchen Asche übrigbleiben, ein Junge kann vom Sturm in die Luft gepustet werden und davonfliegen, einer kann ins Wasser fallen und ertrinken, einem können beide Daumen abgeschnitten werden. Das alles kann man auf der Bühne zeigen. Aber es gibt auch etwas, das man auf dem Theater nicht zeigen kann. Oder nicht mehr. Menschen mit dunkler Hautfarbe sind für das Theater heute ein Problem. Es kann sie nur schwer darstellen: das Blackfacing, also das schwarz Schminken von hellhäutigen Schauspielern, ist verpönt. Deshalb verspotten die drei bösen Knaben aus Heinrich Hoffmanns 1845 erschienener Geschichtensammlung „Struwwelpeter“ auf der Bühne auch keinen „Mohren“ mehr und werden auch nicht ins Tintenfass gesteckt. Sie werden einfach nur verprügelt. Das muss reichen.

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Ansonsten aber wird das meiste sehr grell ausgeleuchtet in „Shockheaded Peter“, der irrwitzigen Musicalversion des Struwwelpeters, mit der die britischen Theaterkünstler Julian Crouch, Phelim McDermott und Martyn Jacques von den Tiger Lillies 1998 einen großen Erfolg hatten. Die groteske Revue wurde in vielen Städten nachgespielt, 2013 hatte die Version von Erik Ulfsby in Oslo Premiere. Wenig später war Lars-Ole Walburg, der Intendant des hannoverschen Staatsschauspiels, als Gastregisseur in Oslo tätig. Dabei wurde er auf Ulfbys erfolgreiche Inszenierung aufmerksam. Er lud den Kollegen ein, das Stück in Hannover zu inszenieren. Jetzt hatte die norwegische Version des britischen Stückes zum deutschen Kinderbuch in Hannover Premiere.

Ulfsby startet mit einem Paukenschlag. Mit dem Anrollen eines Elefanten (der auf einem Elektroauto befestigt ist) beginnt das Stück. Was soll da eigentlich noch kommen? Zuerst mal kommt eine Zerlegung. Oder Dekonstruktion. Der Elefant verliert seine Stoßzähne, seine Ohren, seine Haut. Es bliebt ein Gerüst auf einem Fahrzeug: der Thespiskarren – womit die Nähe zum Jahrmarkt schon mal ganz gut markiert ist. Und die zur Psychoanalyse. Kinderbuchautor Hoffmann war schließlich auch als Psychiater tätig. Der Spielort für die Szenen aus dem Kinderbuch ist eine Manege, Zirkus geht schließlich immer. Theaternebel auch. Man könnte das Stück natürlich auch aus dem bürgerlich Wohnzimmer heraus entwickeln, wer weiß, vielleicht würde es dann noch fremder, noch grotesker wirken. Aber so funktioniert es auch.

Alle Bilder zum Stück Shockheaded Peter im Schauspiel Hannover

Ulfsbys Inszenierung hat eine Klammer: wenn der Elefant wieder zusammengesetzt ist, ist sie an ihr Ende gekommen. Was sie nicht hat, ist ein Spannungsbogen. Sie ist eine Nummernrevue in einer Tonlage: schrill. Aber das ist nicht weiter schlimm. Denn die Aufführung dauert nur anderthalb Stunden. Und in denen wird gezeigt, was das Theater alles kann und was die Schauspieler alles können: Hagen Oechel als Conferencier kann sehr diabolisch wirken, Günther Harder als Hauptsänger kann sehr schön und vor allem sehr textverständlich singen, Sarah Franke kann gut zappeln und tanzen, und Susana Fernandes Genebra kann gut stepptanzen.

Die Inszenierung, die am Ende mit freundlichem Applaus bedacht wurde, ist wirkliches starkes Demonstrationstheater. Aber wofür eigentlich?

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