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Kultur Ruhrtriennale holt Kafkas „Schloss“ in die Gegenwart
Nachrichten Kultur Ruhrtriennale holt Kafkas „Schloss“ in die Gegenwart
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14:06 24.09.2011
Szenenbild aus der Aufführung "Das Schloss". Quelle: dpa
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Bochum

Das Publikum begrüßte ihre Dramatisierung am Freitagabend bei der Ruhrtriennale in Bochum mit langanhaltendem, einhelligem Applaus.

Erpulat und Hillje lehnen sich eng an die Handlung des Romans an: K., ein Landvermesser, kommt in einem Dorf zu Füßen des „Schlosses“ an. Er wurde angefordert, wird aber nicht erwartet. K. will bleiben, anerkannt werden, verliert aber in der Auseinandersetzung mit dem „Schloss“ Schritt für Schritt an Boden. Es gelingt ihm nicht, zu den wirklich Verantwortlichen vorzudringen. Bei seinen vergeblichen Schritten verstrickt er sich gegen seinen Willen immer weiter in Konflikte mit den Dörflern. Sie spüren, dass K. in Opposition zum Schloss steht und fürchten ihn deshalb, werden aber auch von seinem Widerspruchsgeist angezogen. Wie der Roman bricht die Bühnenfassung abrupt ab.

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Erpulat aktualisiert in seiner Uraufführungsinszenierung - sein „Schloss“ spielt hier und heute. Diese Entscheidung eröffnet eine neue Deutungsmöglichkeit: K., der darum ringt, angemessen beschäftigt zu werden, wirkt wie ein Repräsentant der Generation Prekär, die um die Früchte ihres Lernens gebracht wird, indem sie ein Praktikum nach dem anderen absolviert, ohne je eine angemessene Stelle zu bekommen.

Das „Schloss“ symbolisiert jene sich in der Anonymität verbergenden Kräfte, die gut ausgebildeten Menschen wie K. mit einem soliden Vertrag die Integration in die Gesellschaft verweigern. Aber, so betont Erpulat, nicht nur jene unsichtbar bleibenden Herren des Schlosses sind verantwortlich, auch jene im Dorf, die mitspielen, tragen ihren Teil Verantwortung.

Das Ensemble zeigt immer wieder Gesten der Unterwerfung - Knien, das Küssen der Hand des Herrn, sich buchstäblich auf den Bauch werfen, wenn der Vorgesetzte zürnt -, Zeichen für jenen Knechtssinn, ohne den das „Schloss“ nie seine Vorrangstellung behaupten könnte. Vor allem die Frauen leiden unter den Demütigungen von denen da oben, aber gerade unter ihnen ist die Unterwürfigkeit am stärksten.

Das Ensemble spielte uneinheitlich, Moritz Grove als K. artikulierte mitunter nicht deutlich genug, war manchmal schwer zu verstehen. Am glänzendsten profilierte sich Sesede Terziyan als K.’s Braut Frieda, eine junge Frau, die leidenschaftlich versucht, sich aus der unwürdigen Abhängigkeit zu einem subalternen Schlossbeamten zu befreien.

Erpulats Uraufführungsinszenierung ist wegen der Aktualisierung geglückt - gerade Kafkas Gesellschaftskritik bewahrt sie und zeigt, dass sie heute unvermindert gültig ist. Aber der Roman hat mehr Tiefe: Die Lähmung, die das System des Schlosses erzeugt, hat Kafka überzeugender, unheimlicher, rätselhafter, vor allem aber bedrohlicher dargestellt.

dpa

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