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Kultur Meuterei auf der Arche
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00:15 05.04.2014
Von Stefan Stosch
Noah, ein ganzer Kerl dank Gott, von Russell Crowe so kraftvoll verkörpert wie einst der „Gladiator“
Noah, ein ganzer Kerl dank Gott, von Russell Crowe so kraftvoll verkörpert wie einst der „Gladiator“ Quelle: Paramount
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Hollywood

Wieso hat es bloß so lange gedauert, bis Hollywood diese Erleuchtung gekommen ist? Die Bibel bietet in digitalen Zeiten besseren Filmstoff als jedes aus den Fingern gesogene Science-Fiction-Script. Endlich lassen sich Wunder und Weltuntergänge inszenieren, die verbürgt sind – okay, mehr oder weniger. Und ein garantiertes Happy End für die Film-Familie gibt es zumindest in diesem Fall noch obendrauf, ganz so, wie es die Gesetze des Blockbuster-Kinos verlangen.

Biblischer Epos im Kino: Russell Crowe verwandelt den biblischen Noah in einen Actionhelden – und rettet die Welt vor der Sintflut.

Es tritt also auf: Noah, Vegetarier, Umweltschützer, Familienoberhaupt und bald auch Arche-Bauer, ein ganzer Kerl dank Gott, von Russell Crowe so kraftvoll verkörpert wie einst der „Gladiator“, nur eben deutlich grauer geworden. Im Jahr 2000 hatte der Neuseeländer den Sandalenfilm wiederbelebt, nun strebt er in Zusammenarbeit mit Regisseur Darren Aronofsky („Black Swan“) Ähnliches fürs Bibel-Genre an – sozusagen als Pilotprojekt zu einer ganzen Reihe von alttestamentarischen Themenfilmen, die in nächster Zeit unsere Leinwände heimsuchen werden.

Endlich sieht man nun in 3-D und überlebensgroß, wie die Sache mit der Sintflut damals abgelaufen ist: wie steinerne Riesen mit Magmaherzen – gefallene Engel, „The Watchers“ genannt – sich in „Transformers“-Manier aus dem Boden schrauben und den Auserwählten vor marodierenden Banden schützen; wie Noah mit Gattin Naameh (Jennifer Connelly) und den drei Söhnen das schwerverletzte Findelkind Ila (Emma Watson) aufliest; wie Noah die von seinem Großvater Methusalem (Anthony Hopkins) geschenkte Eichel im kargen Boden verscharrt, aus dem bald ein ganzer Wald sprießt, aus dem sich wiederum prima Bootsplanken schnitzen lassen; wie Vögel, Schlangen und sonstige Viecher ganz von allein herbeikommen, sich in die Arche schlafen legen und seltsamerweise gar keine weitere Rolle spielen; wie die eigentlich unfruchtbare Ila an Bord den Schwangerschaftstest aus der Naturapotheke besteht und wie der böse blinde Passagier im Unterdeck (Ray Winstone) zur finalen Rache gegen Noah ansetzt ...

Was, so steht’s gar nicht geschrieben im Buch der Bücher? Na und? Für 125 Millionen Dollar Produktionskosten darf man schon ein bisschen mehr verlangen als verfilmte Buchstaben. Hier züngelt in Rückblenden eine hinterlistige Schlange, schwingt Kain den Felsbrocken gegen Abel, und die Schöpfungsgeschichte wird noch mal in Sekundenschnelle trickreich aufbereitet – so geschickt, dass sich weder Darwinisten noch bibeltreue Christen groß daran reiben müssen, wenn sie es nicht unbedingt wollen.
Sicherheitshalber ist hier auch stets vom „Schöpfer“ und nie von „Gott“ die Rede. Hollywood liegt schließlich sehr daran, dass alle in einem Boot und damit im Kino sitzen. 200 Millionen Christen allein in den USA bilden ein lohnendes Zuschauerreservoir – ein paar davon haben sich trotzdem aufgeregt.

Sogar eine philosophische Debatte in der hölzernen Riesenfrachtkiste gehört zur cineastischen Vollversorgung: Wie böse ist denn nun der Mensch? Muss er ganz und gar von der Erdoberfläche gespült werden, um der restlichen, besser geratenen Schöpfung das Feld zu überlassen, wie der hartherzige Noah seinen göttlichen Auftrag interpretiert? Oder darf sich wenigstens die eigene Familie fortpflanzen, wie es Naameh sieht?
Aus diesem mit heiligem Ernst geführten Disput erwächst eine handfeste Familienmeuterei auf der Arche, die sich in der Bibel auch nur bedingt widerspiegelt.

Aber darum geht’s bei diesem hanebüchenen Epos auch gar nicht. Die Bibel weiß Hollywood ungefähr genauso zu schätzen wie die gesammelten Werke Tolkiens oder einen Marvel-Comic: Sie bietet lediglich eine reiche Quelle, die sich nach allen Regeln der Computerkunst ausbeuten lässt. Die Spruchblasen-Helden müssen ja sowieso schon bis zum Überdruss auf der Leinwand ran, die Bücher des Oxford-Professors walzt Regisseur Peter Jackson momentan bis ins Unerträgliche aus.

Da kommt die Bibel mit all ihren Sex-and-Crime-Geschichten und Naturkatastrophen gerade recht. Das handelnde Personal darf in unserem Kulturkreis schließlich als halbwegs bekannt vorausgesetzt werden. Und für die anderen ist es eben Fantasy.

Bibel-Filme waren schon einmal ganz besonders in den Sechzigern en vogue, als Cinemascope als letzter Schrei galt („König der Könige“, „Die größte Geschichte aller Zeiten“). Nun werden diese religiösen Stoffe auf den neuesten technischen  Stand gehievt. Nur mal ein paar Beispiele, was da noch so in den Studio-Pipelines schmort: Ridley Scott verfilmt den „Exodus“, Ang Lee ist im Gespräch für eine zweite Moses-Adaption, Paul Verhoeven will sich mit „Jesus von Nazareth“ auf den Hauptprotagonisten konzentrieren – und der umstrittene Mel Gibson liebäugelt schon lange mit dem „Kampf der Makkabäer“, nachdem er Jesus ja bereits in „Die Passion Christi“ so blutig ans Kreuz genagelt hat.

Sofern die weltweiten Einspielergebnisse stimmen, dürfte eines klar sein: Im Zweifelsfall hat von nun an nicht mehr die Bibel recht, sondern allein Hollywood.

Fazit: Russell Crowe reist
im Auftrag des Herrn:
Mehr Fantasy als Bibel-Film.
Cinemaxx, Cinestar, Cinemotion

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