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Kultur Ruth Rendell: „Die Unschuld des Wassers"
Nachrichten Kultur Ruth Rendell: „Die Unschuld des Wassers"
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10:27 05.08.2010
Von Rainer Wagner
Ruth Rendell
Spannung mit Nonchalance: Ruth Rendell, eine Meisterin ihres Fachs. Quelle: ap
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Ist der Tote in der Badewanne ertrunken, oder wurde er ertränkt? Was ist vor zwölf Jahren passiert, als die 13-jährige Heather verstört und ziemlich nass die Treppe herunterkommt und zu ihrer Schwester Ismay und zur Mutter Beatrix sagt, sie sollten wohl mal besser im Badezimmer nachsehen? Dort liegt Guy Rolland tot in der Badewanne. Für Ismay gibt es nur eine Erklärung: Die jüngere, aber durchaus stärkere Schwester wollte sie vor den Nachstellungen des Stiefvaters beschützen. Hea­ther konnte ja nicht wissen, dass die pubertierende Ismay diese Zuwendungen durchaus zu schätzen wusste.

Mutter und Tochter erklären den Vorfall zum Unfall, schließlich war der arme Guy durch eine langwierige Krankheit geschwächt. Aber die Mutter versinkt – deswegen? – im Wahnsinn. Und Ismay wagt es nicht, ihre Schwester zu fragen, was damals wirklich passierte.

Bis sie die Frage dann doch stellt, passiert viel. Und Ruth Rendell spielt bis dahin mit Zufällen und Verstrickungen wie ein Jongleur mit mindestens fünf Bällen. Schon seit Jahrzehnten beweist sie, dass jeder gute Krimi auch ein Gesellschaftsroman ist. Ihr Serienheld Chief Inspector Wexford tritt hier allerdings nicht auf. Diese Geschichte hätte die britische Erfolgsautorin auch unter ihrem Pseudonym Barbara Vine erzählen können, das sie gerne benutzt, wenn es darum geht, alte Familiengeheimnisse zu lüften.

Zunächst aber verzweigt sich die Handlung wie ein Flussdelta. Ismay verliebt sich in den wohlhabenden Schnösel Andrew, der dem verstorbenen Guy Rolland nicht nur äußerlich ähnelt. Und auch die weniger attraktive Heather findet ihr Glück beim Krankenpfleger Edmund. Der wiederum vor allem den Verkuppelungsversuchen seiner hypochon­drischen Mutter entfliehen will. Die hätte ihn lieber mit Marion vereint gesehen, die sich doch so rührend um sie kümmert. Was Marion allerdings auch bei anderen älteren Menschen macht, auf deren Erbe sie spekuliert. Nur ist auch Marion vom Schicksal geschlagen: mit ihrem Bruder Fowler, der ihr schon mal das Morphin wegtrinkt, das Marion benutzen wollte, um die reiche Avice Conroy ins Jenseits zu befördern.

Ruth Rendell erzählt das alles mit lakonischer Leichtigkeit, mit einer Nonchalance, die den Zufall zum Kumpanen macht. Da kommt Ismay plötzlich der Lover abhanden, der mit einer Eva Simber anbandelt, die dann ermordet wird. Hat wieder einmal Schwesterchen Hea­ther ungefragt die schützende (und deshalb mordende?) Hand über sie gehalten? Andererseits hatte sich Ismay lange damit herumgeplagt, ob sie ihren Demnächst-Schwager Edward warnen müsse, dass er es mit einer – möglicherweise unberechenbaren – Mörderin zu tun hat.

Ismay spricht ihr Bekenntnis auf eine Tonbandkassette, die sie nie übergibt, aber dummerweise in ihrer Handtasche trägt, die ihr geklaut wird. Tunichtgut Fowler findet die Handtasche im Müll (ohne Geld, aber mit Kassette) und schenkt sie seiner Schwester Marion zum Geburtstag. Die wiederum hört das Band nur deshalb ab, weil es mit „Rainy Season Ragas“ beschriftet ist und Marion neuerdings den Rentner Barry Fenix umgarnt, der ein Faible für alles Indische hat.

Ruth Rendell, die große alte Dame des britischen Krimis, macht sich gelegentlich einen Spaß mit der Namensgebung für ihre Romanfiguren. So heißen die Schwestern Ismay und Heather mit dem Nachnamen Sealand. Und Mr. Fenix steigt wie Phönix aus der Asche: Er war einst der ermittelnde Kriminalbeamte im Falle Guy Rolland.

Diese Erkenntnis gibt Ismay die Chance, ihre Erpresserin Marion zu stoppen. Und alles wird gut? Dann stellt Ismay ihrer Schwester doch noch die entscheidende Frage, was einst passierte. Die Antwort ist nicht ganz überraschend, das Motiv aber schon.

Zum Abschluss dieses geistreichen und kurzweiligen Romans kommt dann noch einmal das (Hoch-)Wasser ins Spiel...

Autor

Ruth Rendell

Titel

Die Unschuld des Wassers

Verlag

Blanvalet

Seitenzahl

382 Seiten

Preis

19,95 Euro