Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ry Cooder und Romneys Hund
Nachrichten Kultur Ry Cooder und Romneys Hund
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:12 16.08.2012
Von Uwe Janssen
Drei Dinge braucht der Cooder: Gitarre, Auto, coole Brille. Quelle: Warner
Anzeige
Hannover

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis im US-Wahlkampf skurrile Nebenkriegsschauplätze eröffnet werden. Einer sogar auf einem Autodach. In den Hauptrollen: ein pinkelnder Hund, ein Schlauch und Mitt Romney. Die Geschichte ist fast 30 Jahre alt, aber für Barack Obama noch frisch genug, um sie seinem Herausforderer um die Ohren zu hauen.

Sie spielt 1983, Mitt Romney fährt in den Urlaub. Um im Auto mehr Platz für seine Familie und das Gepäck zu haben, schnallt er seinen Irish Setter Seamus in einer Box aufs Dach. Irgendwann auf der 1000 Kilometer langen Fahrt pinkelt der Hund vor Angst. Romney hält an, spült Auto und Hund mit einem Schlauch ab und fährt weiter.

Anzeige

2008 bei Romneys erstem Anlauf auf das Oval Office wurde das „Mitt Romney Dog Incident“ publik, jetzt ist es wieder da, samt protestierenden Tierschützern, einem stichelnden Obama und mahnenden Deutern, für die Romneys Tierliebe Rückschlüsse auf des Republikaners Menschenfreundlichkeit zulässt.

Und nun gibt es auch einen Soundtrack dazu. Die Satirekrawallos von Devo texten „Don’t roof rack me, bro!“. Und Ry Cooder stimmt den „Mutt Romney Blues“ an. Und die Geschichte über Mitt und Mutt (Köter) ist nur der Auftakt zu Ry Cooders Gesamtabrechnung mit seinem Land. Ein Mann, der seit einem halben Jahrhundert vor allem die Gitarre sprechen lässt und sich um die Weltmusik schon verdient gemacht hat, als es den Begriff noch gar nicht gab, meldet sich im zarten Alter von 65 Jahren in eigener Landessache zu Wort: „Election Special“ heißt das Album. Wer diese einstündige musikalische Sondersendung gehört hat, weiß: Es sieht düster aus in den USA vor den Wahlen. Und es könnte nach den Wahlen zappenduster sein.

Der Mann ist wütend. Und so klingt er auch. Nichts ist es mit den feinen, auf den Punkt gesetzten, staubtrockenen Slidegitarrentönen, die Betrachter von „Paris, Texas“ oder anderen Wim-Wenders-Filmen vom Schlafen abhielten. Nichts ist es mit der Leichtigkeit des „Buena Vista Social Clubs“, den Cooder erst akustisch entdeckte, bevor er seinen Kumpel Wenders mit der Kamera dazuholte. Hier gibt’s ziemlich ruppig auf die Zwölf.

Cooder spielt die Saiteninstrumente, dreckigen Blues oder schmucklosen Country, und er knarzt ins Mikrofon. Irgendwo dahinter sitzt sein Sohn Joachim und trommelt. Das klingt mitunter rumpelig, fast wie ein fix eingespieltes Demo. Aber es musste wohl raus. Die Songs sind wie Aufräumen. Hinterher fühlt man sich nicht besser, aber weiß wenigstens, wo man das Schlechte findet.

In Lied Nummer vier zum Beispiel: „Guantanamo“. Wer Lied eins bis drei gehört hat, erwartet schon keine Satire mehr. „Your God is dead, better try mine, I’m telling you for the last time“. Nein, Guantanamo sei kein Platz zum Spielen, bellt Cooder und fragt dann ganz lapidar: „Guantanamo, was würde Jesus sagen?“

Womit auch klar wäre, dass „Election Special“ kein Wahlkampfalbum für Obama ist, denn auch der demokratische Präsident hat das Gefangenenlager nicht auflösen können. Obwohl Cooder sich sicherlich eher in die Lage des Amtsinhabers versetzen kann - und das auch einmal tut. In „Cold Cold Feeling“ lässt der Sänger den Präsidenten in abgewetzten Schuhen allein durch das dunkle Weiße Haus gehen und verzweifeln. Die Republikaner, diese streunenden Hunde, schnappen dauernd nach seinen Hacken! Dabei ist alles, was sie tun, falsch! Und dann brüllt Cooder mehrfach den schon jetzt legendären Satz: „Wenn du nie Präsident gewesen bist, kannst du nicht wissen, wie sich das anfühlt.“ Nur sehr, sehr wenige Menschen dürften sich von diesem Satz nicht angesprochen fühlen.

Natürlich ist das alles direkt und manchmal auch Knüppel auf dem Kopf. Aber Kunst darf so sein. Und manchmal muss sie es sogar, um gehört zu werden. Für die fein durchargumentierten Analysen und geschliffenen Reden sind andere zuständig.

Cooder klingt wie einer, der lange stillgehalten hat und dem man vielleicht gerade deshalb zuhören sollte, von den üblichen Verdächtigen wie Neil Young oder Springsteen kommen die Berichte zur Lage der Nation ja ohnehin irgendwann, Bob Dylans neues Album erscheint Anfang September. Cooder war bisher nur selten mit dem Stand der Dinge befasst, jedenfalls öffentlich. Und wenn, war es nicht so schonungslos. Fest steht: Falls es wirklich den Bach runter gehen sollte mit seinem Land, kann niemand sagen, dass nicht einer gewarnt hätte.

Vor Obamas republikanischem Herausforderer warnt er nicht nur musikalisch. In einem Interview mit dem britischen „Guardian“ sagte Cooder kürzlich: „Mitt Romney ist ein gefährlicher Mann. Er ist ein grausamer Mann. Und ein gieriger Kapitalist.“ Und zu Bain Capital, dem Unternehmen, mit dem Romney reich wurde, fällt Cooder auch etwas ein. „Wer ,Bain Capital’ geleitet hat, ist nicht dein Freund.“ Es ist vielleicht gut, dass der arme Dachhund Seamus das alles nicht mehr erleben muss.

Ob’s hilft? Haben Protestsongs jemals geholfen? Gegen den Krieg anzusingen war einfacher, sagt der Woody-Guthrie-Jünger Cooder. „Die Occupy-Bewegung bräuchte Songs. Aber ich weiß nicht, wie das gehen sollte.“

Ry Cooder: „Election Special“ (Warner)

16.08.2012
Kultur „King of Rock' n' Roll“ - Elvis Presley starb vor 35 Jahren
16.08.2012