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19:14 21.11.2013
Foto: Warme Stimme, kongeniale Band: Lizz Wright im Theater am Aegi.
Warme Stimme, kongeniale Band: Lizz Wright im Theater am Aegi. Quelle: Küstner
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Hannover

Es gibt Momente im Leben, an die man sich immer erinnern wird. Für Lizz Wright war das ein Abend vor einem Jahr im Jazz-Club Hannover, an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnern kann. Aber daran, dass die Zuschauer ganz nah an der Bühne saßen, so wie früher, als sie mit 19 in ihrer Heimatstadt Atlanta in kleinen Kneipen sang. Und dass die Decke sehr niedrig war. Im Theater am Aegi, ein Jahr später, ist die Decke hoch, die Zuschauer sind deutlich weiter weg, aber es sind auch gefühlt zehnmal so viele da. Das liegt nicht nur an Mrs. Wright, sondern auch an einem Herrn mit merkwürdiger Kopfbedeckung – eine Art Reitermütze mit Halsmanschette. Gregory Porter heißt er. Er ist, was Lizz Wright vor fünf Jahren war – der neue Shooting Star des Jazzgesangs. In der Konzertreihe „Jazz Nights“ gastierten beide nun in Hannover.

Blues und Soul und Pop und Folk: Lizz Wright und Gregory Porter gastierten in der Konzertreihe „Jazz Nights“ im Theater am Aegi. Dabei haben sie nicht nur mit extravaganten Kopfbedeckungen für Beifallsstürme gesorgt.

Aber was heißt hier schon Jazz? Im Fall von Lizz Wright ist das so eine Sache. Ihre Musik speist sich im Wesentlichen aus Blues, Soul, Pop und Folk. Der Anteil der Improvisation ist bei ihr nicht viel größer als bei fortschrittlichen Pop-Folk-Bands. Deshalb ist ihre Musik aber nicht minderwertig. Im Gegenteil. Ihre warme Stimme führt durch ruhige, behutsam aufgebaute Songs, die dank kongenial agierender Band mit verschachtelten Blues-Figuren und lässigen Akzenten Dramatik und Spannung gewinnen.

Nach der Pause dann Porter. Schon beim Gang zum Mikro branden Beifallsstürme auf. Ein Mann, der nicht nur mit seiner Kopfbedeckung Eindruck macht. Sondern vor allem mit seiner Bariton-Stimme, die alle sofort in den Bann zieht und verwundern lässt, warum dieser Sänger erst mit knapp 40 seine erste CD einspielte. Aber keine, die auf Marktforschungen basiert und Jazz als gemeinsamen Nenner aus Pop und Soul begreift. Welch Wunder, es ist tatsächlich Jazz! Mit verwegenen Bebop-Akkorden, gewitzten rhythmischen Brechungen und einem kauzigen Saxofonisten, der wagemutig quer durch alle Tonarten phrasiert. All das darf man sich erlauben, wenn man Gregory Porter heißt und so singen kann. Dabei ist das alles – pardon – ein alter Hut.

Porter erweckt die Seele soul- und gospelbeeinflusster Jazzmusik zu neuem Leben. Er erinnert an längst vergessene Ikonen wie Lou Rawls oder Joe Lee Wilson. Weil aber in unserem reizüberfluteten Informationszeitalter niemand mehr so singt und diese direkte Emotionalität zeigt, ist Porters Ansatz fast wieder ein neuer. Und der erreicht an diesem Abend ein Publikum, bei dem alle Schichten vertreten sind – vom Kanzler-DJ bis zum Oberstudienrat, von der Yoga-Lehrerin bis zur Kinderärztin. Sie alle huldigen ihm zum Schluss mit Applaus im Stehen. Zur zweiten Zugabe besingt er bei bereits beleuchtetem Saal die Mona Lisa – unbegleitet und mit viel Seele. Selbstverständlich. Es gibt Abende, die vergisst man nicht so leicht.

Von Bernd Schwope

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