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Kultur Hochprozentiger Sängerkrieg
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18:00 05.08.2013
Von Stefan Arndt
Mit der Zeit immer besser: „Tannhäuser“ von Sebastian Baumgarten. Quelle: Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath.
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Bayreuth

Hat ihr der viele Alkohol nicht gutgetan? Wie eine ungeliebte Trinkerin torkelt Sebastian Baumgartens „Tannhäuser“-Inszenierung durch den Spielplan der Bayreuther Festspiele und provoziert Kopfschütteln und laute Buhrufe beim Publikum. Der Regisseur hat einen gigantischen Gärungstank in die Mitte der Bühne gestellt. Dieser „Alkoholator“ liefert seit der Premiere vor zwei Jahren Treib- und Diskussionsstoff für die Zuschauer wie für die Akteure. Während die Sänger oben über die Bühne wanken, reichen sich unten im Orchestergraben die Dirigenten den Taktstock in die Hand.

Premierenleiter Thomas Hengelbrock sagte bereits im ersten Jahr ab, Christian Thielemann übernahm als Einspringer für das zweite. Nun steht ein Mann am Pult, den wohl kein „Tannhäuser“ mehr schrecken kann. Mit Axel Kober debütiert ausgerechnet der Generalmusikdirektor der Düsseldorfer Oper auf dem Grünen Hügel - an seinem Haus hatte eine Inszenierung dieser Wagner-Oper im Frühjahr einen Skandal ausgelöst. Die Inszenierung wurde schließlich abgesetzt, Kober dirigierte seither nur konzertante Aufführungen.

Erheblich besser als der Ruf

Kann der Mann der Radikalkur nun die Bayreuther Produktion retten? Die erstaunliche Erkenntnis am Ende des diesjährigen Festspiel-Premierenreigens: Sie hat es gar nicht nötig. Baumgartens Inszenierung ist inzwischen erheblich besser als ihr Ruf. Von Beginn an hatte sie interessante Ansätze, die über das eine unglückliche Alkohol-Biorecycling-Bild hinausgingen. Und die aktuelle, nach (manchmal nur behaupteter) Bayreuther Tradition tatsächlich von Jahr zu Jahr weiterentwickelte Version glänzt mit durchweg detailscharfer und musikalischer Personenführung, die von der Gärung zur Essenz vorgedrungen zu sein scheint. Hätte Bühnenbildner Joep van Lieshout sich statt auf Tanks auf die Wartburg kapriziert, würden vielleicht auch die Buhrufer das faszinierend-expressionistische Spiel mit der Religion oder die wunderbare Aufwertung des Wolfram zu würdigen wissen.

Glänzend in Szene gesetzt ist trotz des immer noch schnöden Endes in der Biogasanlage vor allem Elisabeth. Camilla Nylund ist auch stimmlich in die Partie hineingewachsen. Nach den eher unauffälligen Aufführungen der vergangenen Jahre hat die finnische Sopranistin, die ihre Karriere in Hannover begonnen hat, großes Festivalformat erreicht. Michelle Breedt (Karrierestart: Braunschweig) muss selbst als sehr annehmbare Venus gegen diese leuchtende Klarheit verblassen. Souverän schlägt sich Torsten Kerl in der mörderischen Titelpartie, Publikumsliebling bleibt aber Michael Nagys Wolfram mit seinem Abendstern-Lied.

Die Balance stimmt

Axel Kober verfügt also über ein gutes Ensemble und vermag daraus Kapital zu schlagen. Anders als beim späteren Wagner gibt es im „Tannhäuser“ noch vielstimmige Massenszenen, die höchste Übersicht verlangen und hier bekommen. Makellos fügen sich selbst weit entfernte Chöre und Bühnenmusiken in das musikalische Geschehen ein. Die berüchtigte Akustik macht dem Dirigenten offenbar keine Mühe: Die Balance zwischen Sängern und Musikern stimmt fast immer, und nicht selten scheint bereits jener typische, fast mystische Klang auf, der weniger der berühmten Decke über dem Orchestergraben als vielmehr dessen außergewöhnlicher Tiefe geschuldet ist.

Sicher wird man Kober fortan öfter bei den Festspielen hören, auch wenn man Momente der Überraschung oder gar der Verzauberung vergebens bei ihm sucht. Er sorgt für die ruhige Übersicht, die dieser Produktion vielleicht gefehlt hat. So ergeht es dem alkoholischen „Tannhäuser“ wie manchem Schnaps: Er wird mit der Zeit immer besser.

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