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Kultur Saisonauftakt: Lars-Ole Walburg wird begeistert gefeiert
Nachrichten Kultur Saisonauftakt: Lars-Ole Walburg wird begeistert gefeiert
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12:56 02.10.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Ein Stück DDR, auferstanden: Rainer Frank, Daniel Nerlich, Sandro Tajouri, Camill Jammal (von links) in „Wolokolamsker Chaussee“. Quelle: Ribbe
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Am Ende sah es doch ein bisschen nach Provokation aus: Die Bühne, ein Feld von Torf, war übersät mit den Fetzen zerplatzter Luftballons; Tröten, Mützen und ein Kinderschlagzeug lagen da herum, und fünf giftige Clowns tanzten Pogo zum donnernden „Amerika“ von Rammstein. Es wirkte fast wie eine Drohgebärde. „Das hätte alles auch noch viel wilder sein können“, schien Lars-Ole Walburg, Hannovers neuer Intendant, hier sagen zu wollen. Der neue Intendant, der nicht nur ein Manager ist, sondern auch Regie führt, hat sich mit einem mutigen (Doppel-)Projekt vorgestellt: Szenen aus „Wolokolamsker Chaussee“ von Heiner Müller, danach „Das Leben der Autos“ von Ilja Ehrenburg. Müllers dramatisches Gedicht stammt aus den späten achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Ehrenburgs Text aus den späten zwanziger Jahren. Beide Stücke waren durch die Pause getrennt, das gegenseitige Kommentieren und Erhellen hielt sich daher in Grenzen.

Ehrenburgs Monolog über die Autoproduktion ist, obgleich er die ökologischen Probleme der automobilen Gesellschaft noch überhaupt nicht im Blick hat, ein erstaunlich aktueller Text – und ein schöner Kommentar zur Wirtschaftskrise. Nach Müllers „Wolokolamsker Chaussee“ wirkt er wie eine Erweiterung der Perspektive. Man blickt nicht mehr nur auf Deutschland, sondern in die Welt und auch in die Gegenwart. Müllers Text ist ein deutscher Text, obgleich er in Russland beginnt und von den Soldaten der Roten Armee erzählt. Es geht um Pflicht und Gehorsam – und um die Frage, wie weit man geht, um eine Idee zu verteidigen.

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Schauplatz des ersten der fünf Teile ist ein Wald an der Wolokolamsker Chaussee, die von Moskau nach Westen führt. Auf dieser Straße dringen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nach Moskau vor, sowjetische Soldaten versuchen sie aufzuhalten, ein Kommandant berichtet von der Angst und davon, wie er einen Deserteur hinrichten lässt.

Später erfährt man, was aus all dem geworden ist, wofür der Mann gekämpft hat. Szenen aus der DDR zeigen, wie russische Panzer gegen Arbeiter eingesetzt werden, wie ein Bürokrat mit seinem Schreibtisch verwächst, wie ein Adoptivsohn seinem Vater die Toten an der Grenze vorwirft. In allen Müller-Szenen geht es um Formen von Ordnung – und da ist es eine hervorragende Idee, das Stück über weite Strecken chorisch anzugehen. Die erste Viertelstunde wird fast nur hochdiszipliniert im Chor gesprochen. Später bricht das auf, der Chor ist dann eine Person, ein Solist sein Gegenüber.

Das chorische Sprechen entfaltet eine starke Wirkung, die Stimmen ergänzen einander, und das Ganze ist so bedeutungssteigernd, als ob man mit rotem Textmarker über Müllers Zeilen gehen würde. Der Chor der fünf Männer bringt auch die Schönheit des Textes zum Funkeln, seine Musikalität, seine kühle Größe, seine klassische Wucht.

Alle Schauspieler (Rainer Frank, Henning Hartmann, Camill Jammal, Daniel Nerlich und Sandro Tajouri), die hier auf der Bühne stehen, sind neu in Hannover. Und wenn ihre Kolleginnen auch so gut sind, kann man nur sagen: Halleluja, was für ein Ensemble! Die Männer, die anfangs nackt auf der Bühne stehen (auch ein kleiner Kommentar des Regisseurs zur laufenden Regietheaterdebatte), haben Lust an Sprache, und sie klingen alle vielversprechend.

Bei der ersten, weitgehend chorischen Waldszene der „Wolokolamsker Chaussee“ mag man kaum glauben, dass es ein recht unterhaltsamer Abend wird. Aber das ist er, durchaus. Was auch am Bühnenbild von Robert Schweer liegt, das nicht beim Torf bleibt, sondern auf verblüffende Weise ein Stück DDR auferstehen lässt: Aus dem Boden wird eine ganze Verwaltungsabteilung hochgestemmt. Lustig geht’s weiter, denn nach der Pause kommt Ehrenburgs Autotheater vorgefahren. Auch das ist eher ein Lese- oder Hörstück, kein Drama. Walburg hat das sehr grell gestaltet: Fünf Clowns sprechen den Text, kommentieren ihn pantomimisch, machen Scherze und Musik.

Nun sind Clowns auf der Bühne nie Teil einer Lösung, sondern immer nur ein Problem. Aber hier funktioniert das Spiel mit den abgründigen Kunstfiguren am Ende doch. Auch wenn die am Schluss alles hinwerfen und mit Rammstein die Vereinigten Staaten kritisieren. Das Publikum jubelt und mag gar nicht mehr aufhören. Drei, vier Mal kommt der Lars-Ole Walburg (cool in Jeans und Trainingsjacke) auf die Bühne und verbeugt sich – strahlend. Hannover hat ihm und seinem Ensemble einen schönen Empfang bereitet.

Man hätte natürlich auch mit Tschechowibsenschiller beginnen können, aber Walburg hat sich für Müller und Ehrenburg entscheiden. Im Üblichen, das zeigt er mit diesem Einstand deutlich, will sich der neue Intendant nicht einrichten, gemütlich will er es weder sich noch seinem Publikum machen. Gut so. Und: Bravo.

Wieder am 11., 14., 21. und 27. Oktober. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.