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Kultur Salman Rushdie stellt Autobiographie vor
Nachrichten Kultur Salman Rushdie stellt Autobiographie vor
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07:54 02.10.2012
Von Johanna Di Blasi
Foto: Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie stellte seine Autobiografie "Joseph Anton - Die Autobiografie" am Montag in Berlin vor.
Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie stellte seine Autobiografie "Joseph Anton - Die Autobiografie" am Montag in Berlin vor. Quelle: dpa
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Berlin

Es sei nicht angenehm, Polizisten in der Küche zu haben, „die Spuren in der Butter hinterlassen“. Salman Rushdie ist in seiner gerade in 27 Ländern parallel erschienenen Autobiografie spürbar um ironische Distanz bemüht. Dadurch tritt freilich das Ungeheuerliche seines Schicksals – die Tragödie von zehn ver­lorenen, in Todesangst verbrachten Lebensjahren – umso stärker hervor.

Jetzt stellte der Autor der „Satanischen Verse“ seine Autobiografie mit dem Titel „Joseph Anton“ – ein Hybrid aus den Vornamen seiner Lieblingsschriftsteller ­Joseph Conrad und Anton Tschechow – in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden in Deutschland vor. ­Joseph Anton war Rushdies Deckname in den Jahren im Untergrund. Spezialeinheiten der Polizei hatten dem verfolgten Schriftsteller geraten, ein Pseudonym anzunehmen.

Anders als bei seinem Auftritt vor wenigen Tagen in New York, wo Rushdie einen Passus über seinen weltoffenen und religionskritischen Vater vortrug, bleibt in Berlin der Buchdeckel der Autobiografie zu. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der mit Rushdie auf dem Podium sitzt und den Autor schon länger kennt, lenkt das Gespräch auf aktuelle Ereignisse wie den Aufruhr rund um das Mohammed-Schmähvideo.

Auch muslimische Gesellschaften müssten Kritik und Spott ertragen können, sagt Rushdie. „Es gibt einen Unterschied zwischen einem Angriff auf einen Menschen und einem Angriff auf Ideen.“ In einer pluralistischen Welt könne sich niemand gegen abweichende Meinungen „immunisieren“. Es gebe auch kein „Recht auf Beleidigtsein“. Rushdie verwies auf die „Book of Mormon“-Satire, die am Broadway läuft. Selbst einige Mormonenführer fänden sie „sehr lustig“ und hätten die Show weiterempfohlen. „Das ist erwachsenes Verhalten.“ Jeden Tag gebe es in Zeitungen Papst-Karikaturen, und dennoch würden die Katholiken nicht losziehen, „um die Welt in die Luft zu sprengen“.

Gleichwohl weiß gerade Rushdie, dass Religion nicht selten ein Vorwand ist. Die Kampagne gegen die „Satanischen Verse“ war in Saudi-Arabien gestartet worden, von Menschen, die das Buch wahrscheinlich nicht gelesen hatten. Als Überbietungsgeste folgte am Valentinstag 1989 der Todesspruch des im eigenen Land unter Druck geratenen Ayatollah Khomeini. Sowohl Saudi-Arabien als auch der Iran rangen damals um die politische und moralische Vormachtstellung in der muslimischen Welt. Rushdies Buch scheint als emotionsschürendes Mittel gelegen gekommen zu sein.

„Es ist nicht nur meine Geschichte, sondern eine Geschichte, die immer größer und größer wurde“, sagt Rushdie. Vor 23 Jahren hatte der iranische Revolutionsführer überraschend eine Fatwa, ein Todesurteil, gegen den 1947 geborenen indisch-britischen Romancier und Es­sayisten ausgesprochen. Damals sei es der Weltöffentlichkeit und auch ihm selbst undenkbar erschienen, dass ein Buch Hassausbrüche, brennende US-Fahnen und Bombenanschläge nach sich ziehen könne. Rushdies japanischer Übersetzer wurde ermordet, sein italienischer Übersetzer niedergestochen, sein norwegischer Verleger mehrfach angeschossen. Inzwischen wüsste er, dass Mohammed-Karikaturen oder Schmäh­videos denselben Effekt zeitigten, sagt er.

Eine Dekade lang hatte Rushdie abtauchen müssen. Der Mann, der die Fatwa gegen ihn verhängt hatte, ist inzwischen gestorben. Andere aber erhöhten erst jüngst das Kopfgeld auf 3,3 Millionen Dollar. Die größten Gefahren aber scheinen hinter Rushdie zu liegen. Der Autor bewegt sich schwungvoll – angstfrei, wie es scheint. Zumeist umspielt ein feines Lächeln seine Züge.

Die Drohung am Valentinstag vor 23 Jahren sei ihm zunächst als „reine Rhetorik“ erschienen, erzählt Rushdie. Schnell habe sich aber gezeigt, dass tödlicher Ernst dahinter steckte. „Es gab Leute, die nach England kamen mit dem Auftrag, mich zu töten.“ Ob die iranische Regierung jemals versucht habe, mit ihm direkt in Kontakt zu treten, will Schirrmacher wissen. „Sie haben nie versucht, mich zu kontaktierten. Sie haben nur versucht, mich umzubringen“, sagt der ­Autor lächelnd. „Vielleicht ist das auch eine Form der Kontaktaufnahme.“
Sämtliche Kritiker hätten Rushdies Autobiografie als „Meisterwerk“ gelobt, sagte Schirrmacher. Nur zwei britische Rezensenten hätten ein negatives Urteil gefällt. Geoffrey Levy hatte in der „Daily Mail“ geschrieben, das Schutzprogramm für Rushdie habe die britischen Steuerzahler elf Millionen Pfund gekostet. Der inzwischen in den USA lebende Autor sei wohl zu gewinnsüchtig, um einige Millionen, die seine Autobiografie einbringen werde, den Briten zurückzuzahlen.

Seine Person sei in den zurückliegenden Jahren entweder „dämonisiert“ oder „idealisiert“ worden, erklärte Rushdie in Berlin. Er sei aber weder ein umherwandelnder Dämon noch eine Ikone. „Manche sehen mich als Freiheitsstatue. Ich fühle mich aber nicht als Freiheitsstatue.“ Seine Autobiografie sei der Versuch, ein realistisches Bild seiner Person zu vermitteln. „Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht“, sagt der Autor, der in seinem politischen Denken ganz der europäischen Aufklärung verpflichtet ist. Westliche Gesellschaften müssten die Meinungsfreiheit verteidigen, sagt Salman Rushdie, auch gegenüber dem Islam.

Stefan Arndt 01.10.2012
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