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Kultur Ivan Repusic dirigiert "Salome"
Nachrichten Kultur Ivan Repusic dirigiert "Salome"
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00:16 21.11.2017
Von Stefan Arndt
Mit Köpfchen: Salome (Annemarie Kremer).
Mit Köpfchen: Salome (Annemarie Kremer). Quelle: Thomas M. Jauk
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Hannover

Ein einziger farbenprächtiger Lauf der Klarinette, schon ist man mitten drin in der unheilvoll-exotischen Welt des Tetrarchenhofes von Judäa, an dem eine Prinzessin bald einen Propheten kopflos machen wird: Keine Oper kommt so umstandslos zur Sache wie Richard Strauss’ „Salome“, kaum eine Musik erschafft mit derart wenigen Tönen eine so dichte Atmosphäre wie der Beginn dieses Einakters.

Eine Reise ins Innere

Auch an der Staatsoper Hannover, wo „Salome“ nun in der Inszenierung von Ingo Kerkhof zu erleben ist, entfaltet sich diese Sogwirkung augenblicklich. Doch die Reise, die man mit der Musik unternimmt, führt hier ins Innere. Statt auf den üblichen vorzeitlichen Palast blickt man in Hannover auf eine weitgehend leere Bühne. Wenn dort die Prinzessin aus einem dezenten Fransenvorhang (Bühne: Anne Neuser) hervortritt, ertönt die Stimme des Hauptmanns, der die ersten Worte der Oper singt, vom ersten Rang aus. Der Perspektivenwechsel ist nur konsequent: In einem Stück, in dem Blicke eine zentrale Rolle spielen, sind die Akteure vor allem Zuschauer.

Wenn die Figuren schließlich doch die Bühne betreten, wird es gefährlich, denn hier waltet die Titelfigur als ein Kraftzentrum, dem niemand gewachsen ist. Es war eine gute Entscheidung der Staatsoper, für diese Rolle gastweise die Sopranistin Annemarie Kremer zu engagieren. Als Salome ist die Holländerin eher Naturereignis als Operndiva: Ihre Stimme ist leuchtend und weit ausstrahlend in den Höhe – und animalisch-wild in den tieferen Lagen. Mit ihr hat Regisseur Kerkhof zudem eine Darstellerin gefunden, die seine Inszenierung fast allein tragen kann. Ihrer Anziehungskraft kann sich auch der Prophet Jochanaan nur schwer entziehen, dem Brian Davis eine stets profunde Stimme, aber bald angemessen verunsicherte Gestalt gibt.

Auch im heiklen Schleiertanz macht diese Salome eine gute Figur: Kerkhof zeigt die Szene fernab von künstlerisch verbrämtem Striptease oder Totalverweigerung als leichthändig choreografierte Verwirrung der Gefühle, die das ganze Ensemble durcheinanderwirbelt und wohl geeignet ist, die erotische Fantasie eines lüsternen Stiefvaters zu befriedigen.

Robert Künzli gibt diesen Herodes nie ganz der Lächerlichkeit preis. Mit bestens intaktem, schneidend kühlem Tenor lässt er den Potentaten stets auch gefährlich und sogar tragisch erscheinen. Sphinxhaft an seiner Seite lauert Khatuna Mikaberidzes angenehm zurückhaltende Herodias.

Dezent und rücksichtsvoll agiert auch das durchweg spektakulär aufspielende Staatsorchester, wenn es darum geht, Raum für die Sänger zu schaffen. Dirigent Ivan Repusic sorgt dafür, dass Strauss’ raffinierte Orchestration präzise und sorgsam dosiert zum Klingen gebracht wird. Sehr klar kommen so die vielen, nicht selten auch mit Mut zur Hässlichkeit vorgebrachten Details der Partitur zur Geltung, die deutlich machen, was Kerkhofs konzentrierte Inszenierung nicht mehr zu zeigen braucht.

Finale mit Verheißung

Bei allem Maß und aller Perfektion lassen Repusic und das Orchester doch im richtigen Moment die Zurückhaltung fahren: Wenn sich die ganze Spannung des Stücks am Schluss endlich in voller Lautstärke entlädt, hat das eine überwältigend rauschhafte Wirkung, die den Herzschlag des Zuhörers beschleunigen und ihn atemlos zurücklassen kann.

Dass Salome die Bühne am Ende lebend verlässt und durch den zarten Vorhang entschwindet, durch den sie in unser Leben getreten ist, kann man da durchaus als Verheißung verstehen: Man kann sich diesen großen Opernabend einfach noch einmal ansehen.

„Salome“: Nächste Vorstellungen am 22. November, sowie am 1., 10., 13. und 22. Dezember.     

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