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Kultur Sander erhält Preis der LiteraTour Nord
Nachrichten Kultur Sander erhält Preis der LiteraTour Nord
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08:24 18.04.2012
Von Jutta Rinas
Foto: Der Schriftsteller Gregor Sander wird am Donnerstag in Hannover mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet
Der Schriftsteller Gregor Sander wird am Donnerstag in Hannover mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet Quelle: Tina Ruisinger
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Hannover

Gregor Sander wurde am 24. April 1968 in Schwerin geboren und lebt heute in Berlin. Sander wurde zum Schlosser und zum Krankenpfleger ausgebildet, studierte Medizin in Rostock und Germanistik und Geschichte in Berlin, bevor er im Jahr 2002 mit seinem Erzählband „Ich aber bin hier geboren“ als Schriftsteller debütierte. Sein mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichneter Erzählungsband „Winterfisch“ ist bei Wallstein in Göttingen erschienen und kostet 18 Euro.

Herr Sander, das Besondere an der Lesereihe LiteraTour Nord ist, dass sie ein Wettlesen ist. Die Schriftstellerin Katharina Hacker hat vor den Lesungen sogar mit einer Gesangslehrerin gearbeitet. Was haben Sie gemacht?

Ich habe nichts Spezielles gemacht. Ich bereite mich generell auf Lesungen vor. Hier kam hinzu, dass ich im Winter mit einem Buch vom Frühjahr angetreten bin. Ich war gut eingelesen.

In der Literaturbranche zählt heute oft nicht mehr allein der Text, sondern auch die Performance. Sie haben den 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewonnen. Auch ein Wett-lesen ...

Stimmt, es schadet heute nicht, wenn man gut vorlesen kann. Und wer es nicht kann, sollte es üben. Ich habe es auch geübt. Das Publikum erwartet heute zudem nicht nur bei Wettbewerben, sondern auch bei Lesungen einen guten Auftritt. Man sollte sich aber klarmachen, dass es nicht jedem Autor gegeben ist, gut zu lesen. Der eine kann es, der andere bringt sich auch mit Üben nur auf ein passables Niveau.

Wie haben Sie eigentlich Ihre Texte für die Lesungen der LiteraTour Nord ausgewählt?

Der Vorteil eines Erzählungsbandes ist, dass man freier in seiner Entscheidung ist. Ein Romanautor liest in der Regel den Anfang, oder er stellt sich einen Text so zusammen, dass der Inhalt des Buches nachvollziehbar ist. Ich habe für jede Lesung zwei Erzählungen ausgesucht, je nachdem, wonach mir gerade war.

Wonach war Ihnen denn nun in Hannover?

In Hannover war mir nach Finnland. Definitiv.

Warum?

Das weiß ich nicht mehr, es war einfach so ...

Auffällig an Ihren Erzählungen ist, dass die DDR - auch mehr als 20 Jahre nach der Wende - eine zentrale Rolle spielt. Warum?

Na, weil ich aus der DDR bin. Und wenn ich mich an Kindheit erinnere, dann erinnere ich DDR. Andere Erinnerungen muss ich mir, wenn ich sie benutzen will, aktiv durch Recherche erarbeiten. Es gibt aber auch zwei, drei Erzählungen in dem Band, die mit der DDR nichts zu tun haben. Ich benutze meine DDR-Vergangenheit, wenn sie in eine Geschichte gut reinpasst. Sonst nicht. Ich habe kein Sendungsbewusstsein.

Ihre Geschichten enthalten oft sehr bedrückende Erfahrungen. In Ihrer Hiddensee-Erzählung feiert eine Familie auch viele Jahre nach dem Tod ihres auf der Flucht erschossenen Sohnes immer noch regelmäßig dessen Geburtstag. Warum?

Das ist schwer zu erklären. Es passiert einfach beim Schreiben. Es hat sicher auch etwas damit zu tun, dass es bei einer extremen Erfahrung immer auch um eine Abweichung von der Norm geht. Erst dadurch entsteht überhaupt eine Geschichte. Ich hätte manchmal aber auch gern mehr Licht in meinen Texten. Ich weiß nur noch nicht, wie das gehen soll ...

Ihre Geschichten leben von psychologisch ungewöhnlich fein abgestimmten Figuren. Wie erarbeiten Sie sie sich?

Ich habe gewisse Vorstellungen und gucke mir Sachen an, die dazu passen: Film, Video, Fernsehen, DVD, Zeitungen, Zeitschriften, Internet. Aber die Figur muss sich auch entwickeln, muss stimmig werden. Man merkt beim Schreiben aber ziemlich genau, wenn etwas nicht stimmt ...

Ihr Stasi-Major Stüwe sagt einmal über seine Arbeit: „Heute setzt man auf Kameras. Technik ist wichtig. Aber wir haben mit der Quelle Mensch gearbeitet, die in die Tiefe des anderen eindringen konnte.“ Wie kommt man auf solche Sätze?

Das war eine sehr schwierige Figur, weil sie so völlig anders ist, als ich es bin. Die Stasi-Leute in der DDR hatten eine besondere Sprache, also musste auch Major Stüwe sie haben. Solche Figuren setzen sich meistens aus recherchierten und teilweise schlicht erfundenen Dingen zusammen.

Werden Sie oft gefragt, ob es für Ihre Figuren reale Vorbilder gibt?

Ja, und ich finde die Frage auch gut. Ich möchte ja, dass die Geschichten so nah geschrieben sind, dass die Leute denken, die Figuren seien real.

Was antworten Sie?

Ich antworte nicht ...

Sie finden die Frage gut, aber Sie antworten nicht?

Das ist mein gutes Recht, weil es ja mein Job ist, mit Illusionen zu handeln. Ich empfände es als Verlust, wenn ich verraten würde, wo etwas Reales eingearbeitet ist und wo nicht. Das wäre so, als wenn der Vorhang sich hebt und der Zauber sich auflöst.

Bei der Preisverleihung der LiteraTour Nord am kommenden Donnerstag werden Sie einen unveröffentlichten Text lesen. Arbeiten Sie an einem neuen Buch?

Ich sitze an einem Roman - und werde vermutlich auch daraus lesen.

Worum geht es?

Das werde ich jetzt nicht verraten. Ich lese eigentlich extrem ungern aus unveröffentlichten Texten. Ich lasse sie gerne lange liegen und verändere sie immer wieder. Aber man hat mich bei der Literatour Nord gefragt, und dann mache ich es natürlich auch gern.

Interview: Jutta Rinas

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