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Kultur Sansal: „Ich werde in Algerien gebraucht“
Nachrichten Kultur Sansal: „Ich werde in Algerien gebraucht“
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19:43 01.02.2012
Von Martina Sulner
Engagierter Autor, ganz entspannt: Boualem Sansal. Quelle: Peters
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Hannover

Freundlich schaut Boualem Sansal ins Publikum und wirkt ein bisschen erschöpft. Zwei Wochen lang war der Algerier, der im Oktober in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, auf Lesereise in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Der Auftritt im hannoverschen Literaturhaus schließt die Tour ab. Am Mittwoch ist der Autor in sein Heimatland zurückgeflogen – und bereits nächste Woche wird er wieder nach Deutschland kommen: Der Autor gehört der Wettbewerbsjury der 62. Berliner Filmfestspiele an, die am 9. Februar beginnen.

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Schon zum dritten Mal liest Sansal im Literaturhaus Hannover, doch so voll wie am Dienstag war es bei seinen vorigen Besuchen nicht. Der renommierte Friedenspreis hat Sansal bekannter gemacht; sogar Hannovers Bürgermeister Bernd Strauch taucht vor der Lesung auf und spricht seinen „ganz tiefen Respekt vor der politischen Arbeit“ des Algeriers aus.

Sansal ist Autor. Doch Politik und Literatur sind bei dem 62-Jährigen kaum voneinander zu trennen – weder in seinen Büchern noch in seinem Leben. Mit 50 veröffentlicht er seinen ersten Roman. Seine Bücher wie „Der Schwur der Barbaren“, „Erzähl mir vom Paradies“ und „Das Dorf des Deutschen“, die auf Deutsch alle beim niedersächsischen Merlin Verlag erschienen sind, erzählen verschiedene Geschichten, doch in einem ähneln sie einander: Sansal wirft einen kritischen Blick auf sein Heimatland. Seinen Job im algerischen Industrieministerium hat er nach seiner zweiten Buchveröffentlichung verloren. In seiner Heimat werde Sansal, so die Übersetzerin und Moderatorin Sigrid Brinkmann im Literaturhaus, „offensiv beschwiegen“. Die Romane dürften dort nicht erscheinen, als „Bückware“ seien sie jedoch zu bekommen.

Sansal gehört zu den wenigen kritischen Intellektuellen Algeriens, die noch nicht ins Exil gegangen sind. „Kritik kann man nicht von außen üben“, sagt er. Es sei durchaus eine Versuchung, das Land zu verlassen: „Doch ich werde in Algerien gebraucht.“ Er schreibt über den Mangel an Demokratie und das Erstarken der Islamisten, über Armut und Arbeitslosigkeit in seiner Heimat. Und immer wieder über die gebrochene Identität des Landes, das durch die Zeit der französischen Kolonialherrschaft und durch Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Berbern geprägt sei: „Bis heute herrscht Bürgerkrieg in Algerien.“

Lang und mitunter auch langatmig redet der Friedenspreisträger im Literaturhaus über die algerische Historie und die aktuellen Konflikte. Sigrid Brinkmann übersetzt tapfer, und Schauspieler Moritz Dürr, der lange zum Ensemble des hannoverschen Schauspiels gehörte, liest ganz wunderbar aus Sansals Romanen. Darunter auch „Das Dorf des Deutschen“, in dem der Autor – nach einem authentischen Fall – von einem ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS erzählt, der in den fünfziger Jahren algerische Freiheitskämpfer ausgebildet hat und später Vorsteher eines Dorfes wurde.

Der Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf Algerien, der Antisemitismus und die Schoah beschäftigen Sansal sehr. Auch bei seinem Auftritt in Hannover spricht er viel darüber, dabei driftet er schon mal ab und verzettelt sich. Doch zu spüren ist, dass er in einem Land, in dem der Massenmord an den Juden nicht in den Schulbüchern auftaucht, eine große Verantwortung empfindet, über das Thema zu schreiben.

Sansal spricht nicht sonderlich laut, aber temperamentvoll, er unterstreicht seine Worte mit Gesten und ballt auch schon mal leicht die Faust. Doch selbst dabei wirkt der Mann in dem weinroten Jackett nicht eifernd, sondern engagiert. Seine Einschätzung der Situation im nördlichen Afrika fällt kritisch-pessimistisch aus. Der arabische Frühling habe gezeigt, dass „die Militärs zwar zurücktreten, jedoch die Islamisten sich nach vorne schieben“, sagt er. Gerade das Erstarken der Islamisten in Ägypten zeige doch, dass der arabische Frühling nicht zwangsläufig zur Demokratisierung der Gesellschaft führe.

Eine laizistische Gesellschaft ist das Ideal des Autors, dessen Vater aus einem Berberclan und dessen Mutter aus einer westlich orientierten Familie stammt. Doch die säkularen europäischen Staaten idealisiert er nicht, sondern kritisierte in zahlreichen Interviews der vergangenen Monate, dass europäische Politiker zu bereitwillig mit arabischen Diktatoren zusammenarbeiteten.

Der Westen opportunistisch, der Maghreb und Ägypten von Islamisten dominiert: Doch ganz ohne Hoffnung ist Sansal nicht. Er glaube dennoch, sagt er in Hannover, dass sich die arabischen Gesellschaften entwickeln werden. Vielleicht tragen seine Bücher dazu bei.

01.02.2012
Manuel Becker 31.01.2012