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Kultur Sascha Lobo spricht über seinen neuen Roman
Nachrichten Kultur Sascha Lobo spricht über seinen neuen Roman
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13:22 25.09.2010
Sascha Lobo: Autor, Blogger, Markenzeichen.
Sascha Lobo: Autor, Blogger, Markenzeichen. Quelle: dpa
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Herr Lobo, haben Sie heute schon etwas mit einem Stift auf Papier geschrieben?
Nein. Das Schreiben meines Namens ist die einzige Papier-Stift-Interaktion, die es bei mir noch gibt.

Sie schreiben gar nicht mehr mit der Hand?
Richtig. Bücher signieren ist allerdings eine schöne Abwechslung. Das Schreiben mit einem Stift ist im Vergleich zum Tippen, was ich gewohnt bin, als Kulturtechnologie einfach nur wahnsinnig langsam.

Zu den am meisten diskutierten Themen rund ums Internet gehört das Cloud-Computing, bei dem man seine Daten auf einem Server speichert, auf den man von überall aus zugreifen kann.
Cloud-Computing ist eine alte Vision. Bereits in den neunziger Jahren hat Sun Microsystems mit dem Spruch geworben: „The network is the computer“. Ich glaube, dass die Rechenleistung wie auch die Speicherkapazität eines zentralen Computers nicht durch einzelne Computer übertroffen werden kann. Das heißt, je schneller die Anbindungen werden, desto sinnvoller ist es, so viele Rechen- und Speicherungsprozesse wie möglich von einem kleinen Gerät mit begrenzter Leistung bis hin zur großen Cloud, also Wolke, auszulagern. Die Cloud – das sind die vielen Millionen Server, die dort draußen an allen Ecken und Enden des Planeten stehen und in Millisekunden mit meinen Geräten kommunizieren können.

Was hat der Privatnutzer davon, der im Web surft und E-Mails schreibt?
Man muss dieses Prozessieren und die Datenübertragungen mit Phantasie betrachten. Google hat kürzlich in Europa eine Anwendung vorgestellt, die in den USA bereits stark genutzt wird: Voice Search funktioniert so, dass ich ein Wort sage, und Google versucht, herauszufinden, was ich damit meinen könnte. Sage ich etwa „Ich suche ein ägyptisches Museum“, dann zeigt mir Google sofort die Adressen von ägyptischen Museen – und zwar genau dort, wo ich mich gerade aufhalte. Dazu gleicht die Anwendung meine aufgenommene Stimme mit vielen Tausenden Stimmprofilen ab. Diese Rechen- und Speicherleistung kann nur auf einem Server stattfinden. Dies ist ein Beispiel dafür, wie Cloud-Computing bestimmte Dienste erst ermöglicht, die unsere Computer allein völlig überlasten würden.

Das dürfte für Datenschützer ein Albtraum sein.
Da muss ich widersprechen. Es gibt ganz andere Albträume. Cloud-Computing ist insofern eine kritische Anwendung, als dass die Kommunikation zwischen Gerät und Server sicher sein muss. Ist sie das nicht, gibt es ein Problem. Das ist aber bisher bei fast allen anderen Internetanwendungen auch schon so. Die massenhafte Nutzung des Cloud-Computings könnte eher die treibende Kraft werden, dass endlich extrem hohe Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.

Sie haben nach zwei Sachbüchern jetzt Ihren ersten Roman „Strohfeuer“ vorgestellt. Haben Sie den auch in der Cloud geschrieben?
Ja, zu einem guten Teil. Cloud-Anwendungen wie Google Docs halte ich für sinnvoll, wenn man unter bestimmten Bedingungen schreiben muss. Eine davon ist, dass ich viel unterwegs bin und mehrere Laptops habe, dazu ein iPad und ein Netbook. Wenn ich aber trotzdem weiter an meinem Text schreiben will, unabhängig davon, welches Gerät ich gerade nutze, ist eine Cloud-Anwendung gut.

Wie fühlt es sich an, dieser Cloud vertrauen zu müssen, selbst dann, wenn man diesen digitalen Entwicklungen so wohlwollend gegenübersteht wie Sie?
Ich richte mein Leben und meine Daten so ein, dass ich der Cloud nicht zwingend vertrauen muss. Das bedeutet für mich, dass ich versuche, physisch die Kontrolle über meine Daten zu behalten, indem ich sie auf einer Festplatte spiegele. Eigentlich ist das eine Einbildung, denn wenn die Festplatte runterfällt, scheinen die Daten zwar noch da zu sein. Aber es kostet mich 2000 Euro, um an sie wieder ranzukommen. Insofern ist die Cloud manchmal sogar der sicherere Aufbewahrungsort mit seinen Dutzenden Sicherungskopien. Aber das Gefühl, physisch über diese Daten zu verfügen, wenn das Internet mal ausfällt, ist natürlich auf eine bestimmte Art beruhigend.

Das Netz ist ein ständiger Fluss von Fragmenten, das Schreiben eines Buches dagegen ein sehr konzentrierter Vorgang. Ist Ihnen die Umstellung sehr schwer gefallen?
Ein Sachbuch kann ich verhältnismäßig fragmentiert schreiben. Ich habe das meist in einem mehrwöchigen Rutsch geschrieben, an einigen Tagen konzentriert und selten unterbrochen von Facebook, Twitter und so weiter. Ein Roman dagegen ist zweifellos das anstrengendste Projekt, das ich je realisiert habe, es ist aber auch mein erfüllendstes.

Können Sie ohne Internet existieren?
Klar kann ich das, denn zum Existieren braucht man Luft und Wasser und ein paar Kalorien. Dieses reine Existieren ist ohne Internet kein Problem. Tatsächlich finden ein Teil meines Soziallebens, ein großer Teil meiner Unterhaltung, fast alle meine medialen und kommunikativen Tätigkeiten aber über das Netz statt. Insofern wäre mein Leben langfristig ohne Internet eher eine Art des Vegetierens. Ein, zwei Tage oder auch eine Woche lang kann ich genau so gut offline sein wie die meisten anderen Menschen auch.

Interview: Dirk Kirchberg