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Kultur Sascha Lobo und "Neon" erfinden 698 neue Wörter
Nachrichten Kultur Sascha Lobo und "Neon" erfinden 698 neue Wörter
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10:24 10.11.2011
Foto: Sascha Lobo
Sascha Lobo hat zusammen mit der Zeitschrift "Neon" fast 700 neue Wörter erfunden. Quelle: dpa
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Berlin

Weltall, Gotteshaus, Emporkömmling - alles Wörter, die der Schriftsteller Philipp von Zesen (1619-1689) in die deutsche Sprache gebracht hat. Jetzt gibt es ein amüsantes Buch mit Worterfindungen, das dem Neologismus-Guru ganz aktuell nacheifern will: „Wortschatz: 698 neue Worte für alle Lebenslagen“. Ob diese Wörter in 400 bis 500 Jahren noch in Gebrauch sein werden?

Herausgegeben hat das Buch die Monatszeitschrift „Neon“ (in der es eine beliebte Kolumne namens „Wortschatz“ gibt) in Zusammenarbeit mit dem Vorzeige-Blogger und Autor Sascha Lobo, der einst zusammen mit Holm Friebe das Buch „Wir nennen es Arbeit“ schrieb und mit Kathrin Passig „Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin“.

Der 36-jährige Lobo mit dem Irokesen-Haarschnitt als Markenzeichen präsentiert Schöpfungen wie „Punschkind“ (Gegenteil von Wunschkind), „Schmeeting“ (Kurzform für Scheißmeeting), „Homöosexuelle“ (Leute mit kaum Sex), „Geifersucht“ (der Wunsch, unablässig zu meckern) oder „Zappalien“ (Fernsehsendungen zum Wegschalten/Wegzappen).

Eine der Ideen des Werkes: Neue Technik und neue Kommunikationswege schaffen Phänomene und Situationen, die es noch passend zu benennen gelte. Dank Web und Handy sind es immer mehr.

Zum Beispiel haben heutzutage zahlreiche Menschen einen „Friendeskreis“ („Freunde kommen zum Umzug, „Friends“ nur zur Einweihungsparty danach. Der „Friendeskreis“ besteht aus den 267 Leuten, mit denen man auf Internet-Plattformen „befriendet“ ist“).

Vom "iFer" zur "Allephobie"

Andere verlieren sich im „iFer“ (zwanghaftes Gefühl, jedes neue Gerät von Apple gleich am ersten Tag des Erscheinens kaufen zu müssen). Viele verhalten sich in der Öffentlichkeit wie ein „Telefant“ („Leute, die durch Handytelefonate an unpassendem Ort besonders trampelig daherkommen“). Eine „hippe Störung“ bei solchen Leuten ist auch die „Allephobie“ (Angst, dass der Handy-, Laptop- oder Kamera-Akku leer sein könnte, bevor man ihn aufladen kann).

Soziale Netzwerke im Internet lassen manchen zum „Facebookling“ werden (jemand, der unablässig seinen Alltag digital dokumentiert, um per Facebook-Profil ein aufregendes Leben zu zeigen). „Simsulieren“ kann man es dagegen nennen, wenn jemand vortäuscht, eine SMS zu schreiben, um eine unerwünschte Kontaktaufnahme zu vermeiden. Und was sind Körperteile nach überlangen Klo-Sitzungen mit dem iPhone? „iGeschlafen“!

Doch das Buch widmet sich auch anderen sozialen Erscheinungen: Wie fühlt es sich an, an einem Tag zu arbeiten, der in fast allen anderen Bundesländern ein Feiertag ist? „Feiertragisch“! Wie nennt man eine Partnerschaft, die trotz eines samstäglichen Besuchs im Möbelhaus weiterbesteht? „Ikeabel“! Und was machen Heterosexuelle, die in schwule Lokale gehen und damit nach und nach die Homosexuellen vertreiben (funktioniert auch mit ganzen Stadtvierteln)? „Ausgayen“!

Auch im Büro sind manche Vorgänge mit neuen Begriffen zu belegen: Zum Beispiel die „Kostenstille“ (ausgedehnte Phase, wenn die Frage aufkommt, wer ein Projekt bezahlen muss), „Laufgaben“ (Aufgaben, bei denen man trotz aller digitalen Vernetztheit im Büro herumlaufen muss) oder „Praktivitäten“ (Arbeiten, die von Praktikanten ausgeführt werden - „also alle Tätigkeiten außer Dienstreisen“).

Und mancher Arbeitnehmer legt auch schon mal „Kaffeerien“ ein (eine besonders lange Kaffeepause) oder aber einen „Rückentag“ („Tag zwischen Feiertag und Wochenende, an dem man sich wegen Rückenschmerzen krankmeldet“). Das würde ein „Schnödel“ (öder Schnösel) natürlich niemals tun. Den sollten andere übrigens, wie Lobo empfiehlt, gut behandeln - wegen hoher Chefwahrscheinlichkeit.

dpa

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