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Kultur Saskia Hennig von Lange liest
Nachrichten Kultur Saskia Hennig von Lange liest
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00:15 14.01.2019
Saskia Hennig von Lange Quelle: Stefan Freund
Hannover

Die Autorin hatte nicht geschlafen. In der Nacht vor der Lesung war das Kind krank, Saskia Hennig von Lange musste bei ihm wachen, es ist alles wieder gut, aber die Autorin war müde. Vielleicht wirkte sie deswegen etwas angestrengt bei ihrer Lesung im Rahmen der Literatur Nord in der hannoverschen Buchhandlung Decius. Vielleicht aber auch, weil der Abend für sie als Schriftstellerin streckenweise mühsam war.

Saskia Hennig von Lange – die mit der in Hannover geborenen Autorin Alexa Hennig von Lange nicht verwandt, aber verschwägert ist – las aus ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Hier beginnt der Wald“. Die Geschichte ist, auf den ersten Blick, ganz schlicht: Ein Mann, lange arbeitslos, nimmt einen Job als Fahrer von Umzugsgut an, nicht wegen des Jobs, sondern um seiner Beziehung zu entfliehen, denn seine Freundin ist schwanger, er aber wollte kein Kind. Er gerät in eine Karambolage, kommt ins Krankenhaus, wird entlassen. Er fährt weiter, fährt nicht ans Ziel, sondern in einen Wald, lernt dort einen Jungen kennen und hat plötzlich doch ein Kind: Der Junge bleibt eine Weile bei ihm, dann sind die Eltern da und der Junge geht. Ende.

Das ist die Oberfläche. Die ersten Verwerfungen tauchen aber schon früh auf. Dass der namenlose Mann plötzlich ein Tier neben sich im Laster sitzen sieht, das nicht da sein kann. Dass er aus einem Kaufhaus rennt, weil er von nervigen Verkäuferinnen in der Umkleide gestört wird, und vollkommen nackt ist. Dass man nie weiß, ob es den Jungen im Wald wirklich gibt.

Das ganze, 150 Seiten schmale Buch ist voll von solchen kleinen Verschiebungen der Realität, die den Blick in verschattete, rätselhafte Ebenen öffnen, und es zu lesen ist eine Reise ins eigene rätselhafte Innere. Oder sagen wir: Das kann es sein, wenn man das Offene, das Unklare, das Unerzählte des Textes und das Suchen im eigenen Kopf aushält.

Schmallippige Autorin

Moderator Wilfried Köpke, Journalistikprofessor an der Hochschule Hannover, lobte genau dieses Offene, versuchte aber immer wieder, es zu entschleiern: Ist der Mann krank? Wurde er missbraucht? Bekommt er zu wenig Aufmerksamkeit? Eher zu viel, sagte Saskia Hennig von Lange, die angesichts der Fragen manchmal schmallippig wurde. Wunderbar waren die Passagen, in denen sie nur las, während ihre rechte Hand die Sätze, die klare Sprachmelodie unterstrich, begleitete, nachformte. Als würde sie ihren Text dirigieren.

Am Schluss gab’s einen kurzen Film, gedreht von vier von Köpkes Studentinnen, die Ausformung einer Szene des Buchs. Eine schöne Arbeit wäre das geworden, wenn die jungen Damen die Chance gehabt hätten, ihre eigene Phantasie umzusetzen. Sie mussten aber Saskia Hennig von Langes Text bebildern, ihn also interpretieren (Ergebnis: der Mann ist verrückt) und ihm damit den Kern nehmen: das Schemenhafte.

Saskia Hennig von Lange schaute ins Leere.

Die nächsten Literatour-Nord-Lesungen: Nino Haratischwili am 24. Januar (ausverkauft) und Steven Uhly am 7. Februar. Jeweils um 19.30 im Literaturhaus Hannover.

Von Bert Strebe

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