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19:13 10.02.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Literaturwissenschaftlerin Ursula Kocher und Isabel Schulz (rechts) vom Sprengel Museum präsentieren Dokumentationen - künstlerisch und wissenschaftlich. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Als René Magritte 1929 sein Gemälde einer Pfeife mit dem Satz „Das ist keine Pfeife“ ergänzte, war die Sache noch ganz klar: Jeder sah, dass da keine Pfeife war, sondern nur ein Bild davon. Jeder wusste, dass Magritte keine Pfeife vor Augen führen wollte, sondern eben den „Verrat der Bilder“, wie der Titel des Werkes lautet. Klar war damit aber auch damals schon: Die Zeiten sind vorbei, da Kunst ohne Selbsterklärungen auskommt. Und die kommen in den seither vergangenen 85 Jahren selten mit nur vier Worten aus.

Kein Wunder. Je weiter die Moderne fortschreitet, desto weniger bescheiden sich Künstler noch mit der Trennung von Kunst- und Lebenswelt. Je offener die Formen, je vielfältiger die Mittel werden und je mehr Kunst als Ereignis inszeniert wird, desto weiter wächst auch der Aufwand für Selbsterklärungen und Dokumentationen der Künstler. Das illustriert jetzt das Sprengel Museum in Hannover mit „Report. Künstlerische Strategien der Dokumentation“. Diese Ausstellung versammelt Beispiele von den fünfziger bis zu den achtziger Jahren - und wird aus guten Gründen zusammen mit der neuen Kurt-Schwitters-Schau „Alles Mögliche, was uns interessiert“ gezeigt. Denn Schwitters hat seine künstlerische Arbeit lange vor Magritte in aufwendigen Sammelkladden dokumentiert und reflektiert - was jetzt seinerseits in einer anspruchsvollen Publikationsreihe wissenschaftlich dokumentiert wird, deren erster Band gerade erschienen ist.

Der ideale Ausgangspunkt für diese Doppelausstellung in den Grafikräumen im Untergeschoss des Museums ist aber die „Report“-Schau. Denn die startet mit dem Film „Uhrenschlüssel“, den Marcel Broodthaers 1957 nachts in einer Brüsseler Schwitters-Ausstellung gefilmt hat. Dabei geht er genauso selektiv mit Schwitters-Assemblagen um wie dieser mit dem Material, aus dem er sie zusammensetzt. Der siebenminütige Experimentalfilm wirft damit „exemplarisch Fragen nach Werk und Autorschaft auf“, sagt Kuratorin Isabelle Schwarz. Fragen, die seit der historischen Avantgarde immer wieder gestellt werden: Was ist hier die Kunst? Der Film von Broodthaers? Die Collagen von Schwitters, seine Montage von Fetzen der Wirklichkeit? Oder diese selbst - womit sich dann der alte Avantgarde-Anspruch einer Überführung von Kunst in Leben erfüllt hätte?

Nach dem Film kann man sich nach links weiteren Schwitters-Dokumenten zuwenden. Den Publikationen seines „Merz-Verlags“ oder auch seinem „Gästebuch für die Merz-Ausstellung“, die 1922 in Hildesheim stattgefunden hat - und der er entnehmen konnte, welche Ratlosigkeit seine Kunst hervorrief. Rechts vom Filmmonitor prangen Titel der 1969 von Andy Warhol in dem ihm eigenen Gespür für die Vereinigung von Kunst und Kommerz gegründeten Zeitschrift „Interview“, einem Ort für Kunstreflexionen, aber auch für große Interviews mit Popikonen wie Marianne Faithfull oder Nina Hagen.

Wie schwer zu greifen Werke der Moderne sein können, zeigt sich gerade bei Dokumentationen zu großen Kunsthappenings und Performances. Von „Drei Schläge nach unten“ des „Land Art“-Künstlers Dennis Oppenheim ist heute nur noch die Fotodokumentation der drei unterirdischen Explosionen überliefert, die Oppenheim 1977 inszeniert hat.

Sogar von den höchst öffentlichkeitswirksamen Aktionen von Christo und Jeanne-Claude bleibt nach dem „Event“ letztlich nur dessen Dokumentation. Wer würde sich - nach der spektakulären Verpackung des Reichstags in Berlin, der Pont Neuf in Paris oder auch der Stadtmauer von Rom - sonst wohl noch an „5600 cbm Package“ erinnern? Damit wurde schließlich kein denkwürdiges Bauwerk verpackt und auch keine 85 Meter hohe Säule, sondern einfach nur 5600 Kubikmeter Luft. Die Dokumentation dazu soll freilich nicht nur verhüten, dass sich die Erinnerung an dieses Highlight der Kasseler documenta 1968 in Luft auflöst. Happening-Künstler finanzieren sich nicht zuletzt durch Dokumentationen - und demonstrieren damit wiederum, dass Kunst- und Geschäftssinn keine Gegensätze sein müssen.

„Report. Künstlerische Strategien der Dokumentation“ und „Alles Mögliche, was uns interessiert. Die Textsammlungen von Kurt Schwitters“ vom 12. Februar bis zum 25. Mai. Eröffnung am Dienstag um 18.30 Uhr im Sprengel Museum.

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