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Kultur Schau mit Haken
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19:19 26.03.2015
Vierzig Haken, zwei Mäntel, zwei Künstlerinnen: Jenny Kropp und Alberta Niemann vor ihrer Installation „Somebodies“ in der Kestnergesellschaft. Fotos: Michael Thomas (3) Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Jenseits der schönen guten Ware: Die Künstlerinnengruppe Fort zeigt ihre Konsumschau "Shift" in der Kestnergesellschaft Hannover. Man kann auch wieder zu Schlecker gehen. Doch auch die Sache hat einen Haken.

Ja, hat denn die Kestnergesellschaft eine neue Garderobe? Vierzig Haken prangen da nebeneinander an einem zehn Meter langen Brett, zwei Mäntel hängen schon daran. Soll man seinen eigenen danebenhängen, sich über den fast leeren Snackautomaten in der einen und den Kehricht vorm an der Wand lehnenden Besen in der anderen Ecke der Claussen-Halle ärgern?

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Fort, so nennen sich die 37-jährige Jenny Kropp und die 33-jährige Alberta Niemann, die in ihrer Ausstellung eine eher befremdliche Seite von Alltagsgegenständen zu Tage fördern.

Tatsächlich ist hier wieder einmal der warnende Ausruf des Totalkünstlers Timm Ulrichs am Platze: „Vorsicht Kunst!“ Denn die vermeintlichen Alltagsobjekte sind die drei ersten Exponate einer Künstlerinnengruppe, die sich Fort nennt und dies stets in Großbuchstaben schreibt. Fort, das sind die 37-jährige Jenny Kropp und die 33-jährige Alberta Niemann, die Gegenstände der Alltags- und Konsumwelt durchmustern und ihre eher hässliche, befremdliche oder entrückte Seite zutage fördern.

Es geht also um die Kehrseite der schönen, guten Warenwelt. Und das nicht nur, wenn Kropp und Niemann Besen und Kehricht zum Kunstobjekt deklarieren: Die Künstlerinnen haben sogar das Inventar einer Filiale der bankrott gegangenen Drogeriekette Schlecker in Halle II des alten Goseriedebades transferieren lassen. Immerhin gut 360 Regalmeter in vier oder fünfstöckigen Regalen sind da zu sehen, dazu zwei Aufsteller für Sonderposten, ein abschließbares Gitter für Zigaretten und eine Registrierkasse mit Förderband, ein Konvexspiegel gegen Ladendiebe. „Leck“ heißt die 2012 bereits in Berlin gezeigte Installation in Anspielung darauf, wie wenig von der Schlecker-Welt übrig geblieben ist. Deren Kehrseite offenbart sich hier dem Publikum schon allein deshalb, weil für das Publikum bei Betreten der neben der Claussen-Halle liegenden Halle II zuerst die Rückseiten der Regale in den Blick geraten.

Schnöde Alltagswelt also in der Ausstellungshalle. Ist das Kunst, oder kann das weg? Die künstlerische Strategie scheint bekannt zu sein, seit Marcel Duchamp 1917 ein Urinierbecken auf einen Sockel gelegt und „Fontaine“ genannt hat: Alltagsgegenstände lassen sich auch per Deklaration in Kunst überführen.

Doch Jenny Kropp und Alberta Niemann legen Wert darauf, nicht einfach in der Tradition von Konzeptkunst und Dada „objets trouvés”, vorgefundene Gegenstände also, in Ausstellungshallen zu befördern. Und in der Tat enthalten ihre, tja, Werke stets subtile Elemente der Verfremdung. „Die Künstlerinnen setzen Alltagsbedeutungen und Symbole ihren Eingriffen aus“, sagt Kuratorin Lotte Dinse. „Shift“ heißt die Ausstellung nicht von ungefähr - geboten wird hier nicht nur ein Perspektivwechsel im Blick auf Objekte des Alltags, verändert werden auch diese selbst: Im Snackautomaten, der seinem Nutzer noch Groschen, Fünfziger und Markstücke abfordert, befindet sich nur ein einziger Schokokeksriegel der Marke Raider, die es seit 1991 nicht mehr gibt - „Lonesome Raider“ heißt dieses Exponat. In der Installation „Leck“ läuft das Förderband endlos, und auf dem Papierstreifen der Registrierkasse steht statt der Rechnungssumme nur das Wort „Powerfail“. Die beiden Mäntel an der Garderobe schwanken wie von Geisterhand bewegt, als wären sie gerade erst hingehängt worden - „Somebodies“ heißt die Installation mehrdeutig. Und zum Besen sagt Jenny Kropp bei der Ausstellungspräsentation nur auf Nachfrage, dass damit halt irgendwelcher Dreck zusammengekehrt werde, weiß aber genau, dass in den Kehricht sorgsam eine Capri-Eis-Verpackung nebst Holzstiel hineindrapiert ist.

Nichts ist hier Zufall, alles ist inszeniert. Auch dieses Spiel mit der Verunsicherung des Betrachters über den Grad der Inszenierung. Das Video „Calling“ spielt mit dieser Verunsicherung: An 80 Computerarbeitsplätzen in vier Doppelreihen links und rechts von einem Mittelgang sitzen da Mitarbeiter eines Call-Centers - und scheinen alle zu schlafen, mal die Hände vorm Bauch gefaltet, mal die Wange auf der Tastatur und den Finger noch in Mausklickbereitschaft. Gefilmt ist die künstlich inszenierte Schläfrigkeit in einem echten Call Center. Und weil die Kamera die Szene in ganz besonders langsamen Slow-Motion-Fahrten erfasst, lässt das Zehn-Minuten-Video diese Schläfrigkeit ganz plausibel erscheinen. Und erzeugt sie ganz suggestiv vielleicht auch beim Publikum.

Sind diese Installationen und Inszenierungen künstlerische Statements? Ist etwa die Tristesse der leeren Schlecker-Regale ein politischer Abgesang? „Das ist schon das Ende einer Ära“, sagt Alberta Niemann, will sich aber nicht festlegen, was damit wohl über die Drogeriemarktkette hinaus sonst noch endet. Und ist gar das verschlafene Call-Center ein Aufruf zu Renitenz und Ungehorsam, zum Regelverstoß im Dienste der Entspannung? „Wir wollen eher Zustände zeigen als Wahrheiten zu verkünden“, sagt Jenny Kropp.

Sicher ist jedenfalls, dass diese Zustandsbeschreibungen skeptisch ausfallen. Und dass die Drogerieregale wohl niemals künstlerische Weihen erhalten hätten, wenn Schlecker kein „Powerfail“ erlitten hätte, weil das Förderband an der Registrierkasse so endlos in Bewegung gewesen wäre wie jetzt in der Kestnergesellschaft. Und sicher ist auch, dass „Shift“ einen griffig-konkreten Kontrapunkt zur zeitgleichen Ausstellung „Die anwesenden Eltern“ bildet, Dominik Sittigs Ironisierung abstrakter Malerei im Obergeschoss der Kestnergesellschaft.

Von Daniel Alexander Schacht

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