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Kultur Schau, schau - Selig im Capitol
Nachrichten Kultur Schau, schau - Selig im Capitol
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00:15 11.04.2013
Foto: Sänger Jan Plewka ist das gesamte Konzert emotional voll auf Sendung.
Sänger Jan Plewka ist das gesamte Konzert emotional voll auf Sendung. Quelle: Kleinschmidt.
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Hannover

Mit dem Tellerrand ist das so eine Sache. Darüber zu schauen, heißt, sich weiterzuentwickeln. Normalerweise. Selig wagt diesen Schritt auf der jüngsten CD „Magma“. Die Hamburger schauen, was der Rest so macht – und stehen plötzlich mit einem Bein im Schlager. Wem auf der dritten Platte nach ihrem Comeback der Kitsch zu viel des Guten war, dem bleiben die Konzerte. Und mit ihnen die Hoffnung, dass es dort vielleicht etwas rauer zugeht.

Und das wird es tatsächlich, wie im hannoverschen Capitol jetzt rund 1000 Zuschauer erlebten. Im Herzen bleibt Selig eine Rockkapelle. Eine mit gehöriger Stilbreite. „Schau, schau“ ist ein irre kluger Popsong, „Wenn ich wollte“ hingegen schwergewichtiger Rock, der herrlich schlurft. Und das psychedelische „Magma“ beruft sich mit seiner flächigen Orgel gar auf Pink Floyd. Vielschichtig, tiefgründig, stark.

Am Sonntagabend haben Selig ihre „Magma“-Tour im hannoverschen Capitol vor 1000 Fans beendet und bewiesen, dass sie doch noch eine Rock- und keine Kitschkapelle sind.

Sänger Jan Plewka hält das alles zusammen. Vor allem, weil er über das gesamte Konzert emotional voll auf Sendung ist. Zu gekonnt heiserem Gesang gestikuliert er reichlich – als wolle er seine Texte so gleich auch noch erklären. Plewka ist ein Frontmann mit massig Charme, Eskimos könnte er wohl Kühlschränke verkaufen. Drum muss er auch gar nicht viel sagen. Das Publikum macht auch so mit, Teile des Klassikers „Ohne dich“ singt es sogar ohne ihn. Ganz am Ende ruft Plewka seine komplette Crew, inklusive T-Shirt-Verkäufer, auf die Bühne und umarmt jeden. Es ist der letzte Tourabend, die Zuschauer dürfen Gruppenfotos knipsen. Schön.

Ansonsten tobt auf der Bühne ein freundschaftlicher Kampf. Denn neben Plewka fallen die Scheinwerfer auch immer wieder auf Gitarrist Christian Neander, dessen Riffs und Melodien der Grundstein jedes Selig-Songs sind. Aber in den Nummern, die Selig nach dem Comeback 2008 schrieb, ist Plewkas Gesang Dreh- und Angelpunkt – und wohl auch der Grund, warum Selig nach der Rückkehr mehr Erfolge einheimste als davor. Da stört es, dass Neander sich immer wieder mit dick aufgetragenen Soli, die den Songs kaum dienen, ins Rampenlicht drängt.

Von Joe Cocker bis Cindy aus Marzahn - Hannover boomt als Konzertstadt und kann sich dieses Jahr auf dutzende Gesangseinlagen und Auftritte nationaler und internationaler Künstler freuen.

Hin und wieder macht sich der Kitsch, der „Magma“ heimsucht, auch auf der Bühne breit. Die Ballade „Der Tag wird kommen“ ist mit Pathos überladen, im von einer Kirchenorgel untermalten „Alles auf einmal“ ist Selig dann schon bei Pur. Zum Glück sind das die Ausnahmen. Dass die Seligen es auch ohne Peinlichkeiten können, zeigt dann „Zeit“. Geht doch.

von Gordon Barnard

Stefan Arndt 08.04.2013
08.04.2013