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Kultur Ein Schmerzartikel
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00:15 11.03.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Inga Busch, Susana Fernandes Genebra.
Inga Busch, Susana Fernandes Genebra.
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Hannover

Komödien haben einen Zweck: Sie sollen das Publikum zum Lachen bringen. Die Leute sollen nicht nur grinsen oder kichern, sie sollen sich auf die Schenkel schlagen, sie sollen losprusten, das Lachen soll ihnen die Kontaktlinsen aus den Augen schwemmen. Georges Feydeaus Farce „Floh im Ohr“ ist die Mutter aller zeitgenössischen Komödien. Oder die Großtante. Das Stück, 1907 uraufgeführt, ist feinst konstruiertes Vaudeville Theater: Tür auf, Tür zu, Eifersucht, Verwechslung, Übertreibung. Sex. Kein Sex. Krisen, Angst und Panik.

Die Premiere von „Floh im Ohr“ am Schauspiel Hannover hatte keinen Rhythmus und wenig Leichtigkeit. Knapp drei Stunden schleppt sich die Handlung um den braven Versicherungsmann Chandebise, der von seiner Frau der Untreue verdächtigt wird, dahin.

Auf der Bühne rennen Menschen wie verrückte Maschinen mit einem Steuerungsfehler wieder und wieder gegen dieselbe Wand. Sie (ver)zweifeln an der Wirklichkeit, und die Zuschauer lachen sich kaputt, weil auf der Bühne so viel kaputt geht. Wenn es funktioniert. Dazu sollte das Stück einem Regisseur in die Hände fallen, der Ideen hat, der das Leichte schätzt und der einen Sinn für Tempo hat.

Es kann freilich auch nicht funktionieren - wenn Leichtigkeit und Tempo fehlen und wenn die Ideen zum Stück zu kompliziert oder gar nicht vorhanden sind. In Hannover hat Thomas Dannemann die Komödie inszeniert. Er ist nicht nur Regisseur, sondern auch Schauspieler - und ein recht erfolgreicher. 2004 wurde er von „Theater heute“ zum „Schauspieler des Jahres“ gekürt. Er kennt die Praxis. Er müsste eigentlich wissen, wie Komödien funktionieren. Wie wichtig Tempo ist. Tempo, Tempo, Tempo! Blindes Einverständnis der Schauspieler. Die Dinge müssen einem zufliegen. Schlafwandlerische Sicherheit. Darum geht es. Aber hier? Nichts davon. Nichts funktioniert. Nichts.

Es ist bitter. Die Inszenierung hat keinen Rhythmus, kein Tempo, keinen Esprit und keine Leichtigkeit. Knapp drei Stunden schleppt sich die Handlung um den braven Versicherungsmann Chandebise, der von seiner Frau der Untreue verdächtigt wird, dahin. Dabei ist die so verrückt: Im zweiten Akt, im „Hotel zur zärtlichen Miezekatze“ kommt es, weil der Hoteldiener dem Versicherungsdirektor so ähnelt, zu einer Verwechslungsorgie, und, weil ein eifersüchtiger Mexikaner dabei ist, auch zu einer wilden Schießerei.

Die Pointen zünden nicht

Auf der Bühne des Schauspielhauses knallen zwar die Platzpatronen, aber die Pointen zünden nicht, im Parkett explodiert kein Gelächter. Sicher, aber und zu geht ein vergnügtes Glucksen durch die Reihen, aber das ist bei diesem Scherzartikel aus der Werkstatt des Humormechanikers Feydeau nun nichts Besonders. Vielleicht aber - und das wäre wohl etwas Besonderes - wollte der Regisseur dem Stück die Komik ganz austreiben. Doch auch das ist ihm nicht gelungen.

Möglicherweise wollte Thomas Dannemann schlicht zu viel: Er wollte dem Stück die rotplüschige Salonatmosphäre austreiben. Das kann gelingen. Aber eben nicht so. Es ist keine gute Idee, die Szenen aus dem Salon ins Foyer einer Versicherungsgesellschaft zu verlegen. Sicher, das sieht alles ganz nett aus, das Fünfzigerjahreambiente der Bühne von Katrin Nottrodt (die Grünpflanzen!) hat Charme, aber es wirkt kalt und fremd. Und dann diese Schauspielerbemalung! Alle Figuren tragen schwarze Striche im Gesicht. Sie sind Gezeichnete und sie befinden sich im (Geschlechter-)Krieg. Schon klar. Aber nicht komisch.

Mathias Max Herrmann ist ein sehr guter Schauspieler. Er kann komisch. Aber er in der Doppelrolle Chandebise/Poche wirkt er verloren. Janko Kahle als Sekretär Camille, der ein Konsonantenproblem hat, und Günther Harder als aufgedrehter Arzt Dr. Finache sind zuweilen komisch, bleiben aber weit unter ihren Möglichkeiten. Das gilt auch für Inga Busch als Ehefrau des Versicherungsdirektors und Susana Fernandes Genebra als deren Freundin.

„Floh im Ohr“ ist ein historisches Stück. Von heute aus gesehen, findet man: Gewalt gegen Frauen, Witze über Behinderte, Ressentiments gegen Ausländer. Das sind gute Gründe gegen das Stück.

Man kann es selbstverständlich trotzdem spielen. Aber dann muss man es auch wollen.

Wieder am 10. und 20. März.