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Kultur Schiller in der AWD-Hall
Nachrichten Kultur Schiller in der AWD-Hall
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19:47 27.05.2010
Schiller alias Christopher von Deylen. Quelle: Nancy Heusel
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Einpersonenprojekte sind in der Musik so eine Sache. Da tüftelt jemand im stillen Kämmerlein und kann Werke ohne Kompromisse entstehen lassen. Die Ergebnisse sind mal herausragend (Moby, Conor Oberst), mal misslungen (Axl Rose bei „Chinese Democracy“).

Schiller ist ein solches Einpersonenprojekt von Christopher von Deylen. Er gebietet am Mittwochabend über eine Schar von Gastmusikern, die seine Kämmerleinklänge live in der AWD-Hall auf der „Atemlos Live“-Tour vertonen. Er blickt herab, lächelt zufrieden, stolz auf sein Werk, ohne überheblich zu wirken. Von Deylen, wie die fünf Bühnenkollegen und drei Gastsängerinnen komplett im stilsicheren Schwarz gekleidet, lächelt oft, auch wenn er zwischen seinen in U-Form aufgebauten Klangapparaten hin- und herwechselt.

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„Es wird hell und laut“, sagt von Deylen nach der langen „Einlassmusik“, die auch als Album zu kaufen ist, und wünscht dann den Zuschauern viel Freude. Hell erstrahlt die Bühne von den zahlreichen Leuchtelementen, die mal vor, mal hinter der Bühne hoch- und runterschwenken und die Sporthalle in ein sanftes LCD-Farbenmeer tauchen; dazu die Hits wie „Ruhe“, von den Zuschauern mit Extraapplaus begrüßt, aber auch viel vom neuen Album „Atemlos“, das mit wohlwollendem Applaus goutiert wird. Globalpop, der ankommt. Der Sound ist gut, elektronisches und akustisches Schlagzeug harmonieren, die vielen hellen Töne sind klar wie Glas. Nur manche Bässe wabern derart tief, dass die Zuschauertribüne zu einem zitternden Instrument wird, was aber eher an der Konstruktion als an der Abstimmung der Musikanlage liegt. Zeitweise entstehen dank zusätzlicher Lautsprecher über der Tribüne gar Surroundklänge, wie es Pink Floyd schon in den späten sechziger Jahren versuchte.

Apropos: Schillers Songs sind meist von vorsichtigen Keyboardklängen und sphärischen Synthesizern getragen. Das leuchtende Halbrund, das über der Bühne hängt, wirkt wie eine Miniatur der riesigen Lichtanlage der „Pulse“-Tour der britischen Psychedelic-Rock-Helden. Gitarrist Andreas Binder spielt die Slide-Guitar ähnlich gern wie Pink Floyds David Gilmour. Die Zuschauer nicken vergnügt, manche tanzen barfuß auf den braunen Bodenplatten, die den Hallenboden schützen sollen.

Die Sängerinnen spielen ihre Gastrolle perfekt, wenn ihr Auftritt auch überwiegend seelenlos wirkt. Die Norwegerin Kate Havnevik ragt heraus, wird bei „The Fire“ sogar zu einem veritablen Björk-Double. Band und Lichtanlage geben alles – und endlich ist auch Druck da. Danach werden wieder große Klangteppiche geknüpft, auf die man irgendwann einmal mit dem Holzklopfer schlagen müsste, so verstaubt wirken die Arrangements.

Schiller, das ist alles und nichts. Ein bisschen Jean-Michel Jarre, viel Pink Floyd, kitschige Weltmusikanleihen und Wohlfühlsound, wie er sonst eher auf Meditations-CDs der Discounter klingt. Kommen die Alben noch relativ geschlossen daher, so wirkt die Liveshow arg zusammengebastelt. Irgendwie hat das Ganze etwas von der „Nokia Night of the Proms“: perfekt arrangiert, nettes Ambiente und eigentlich ganz schön. Aber auch ganz schön langweilig.

Gerd Schild

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