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Kultur NDR-Sendesaal wird zum Hexenkessel
Nachrichten Kultur NDR-Sendesaal wird zum Hexenkessel
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06:47 12.01.2015
Von Jutta Rinas
Martin Grubinger bei seinen Proben.
Martin Grubinger bei seinen Proben. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Er kann auch leise. Der Schlagzeuger Martin Grubinger ist eigentlich für seine athletischen Trommelkünste berühmt. Regelmäßig äußert er sich über sein anstrengendes Krafttraining, mithilfe dessen der Hochleistungssportler unter den Perkussionisten sich die körperlichen Voraussetzungen, die Fitness, für seine spektakulären Auftritte überhaupt erst schafft. Am Marimbaphon kann er sich mit den weltbesten Kollegen messen. Auf dem Fell einer Kleinen Trommel soll er bis zu 40 Schläge pro Sekunde platzieren können. Auch in Hannover hat er seine berühmte Zugabe „Planet Rudiment“, in der er bei laufendem Spiel einen Trommelstock über Arme und Schultern wandern lässt, schon zum Besten gegeben.

Mit einem Marathon der Extreme wurde er 2006 bekannt: Sechs Schlagzeugkonzerte, darunter drei Uraufführungen, führte er im Wiener Musikverein auf. Viereinhalb Stunden Musik bewältigte er virtuos, angeblich spielte er 600 000 Noten.

Eindrucksvoll war es jetzt bei seinem Auftritt mit der Camerata Salzburg im seit Wochen ausverkauften hannoverschen Funkhaus zu erleben, dass der 31-Jährige auch ungemein zarte Laute aus seinen Instrumenten herausholen kann. Drei Tangos von Astor Piazolla stehen an diesem Abend auf dem Programm, einem Best-of aus der Zusammenarbeit Grubingers mit der Camerata Salzburg. Dass an diesem verregneten Abend im Sendesaal plötzlich eine Atmosphäre wie an einem heißen Sommertag in Buenos Aires entsteht - schwül, lasziv, träge -, das hat auch mit Grubingers Spiel zu tun.

Duftige, hauchzarte Passagen

Charles Ives’ „The Unanswered Question“ in einer Version für Kammerorchester führen die Musiker als Raumkomposition auf. Der Streicherteppich, der Ives’ unendliche Frage grundiert, weht von draußen aus den geöffneten Türen des Konzertsaals herein. Sichtbar auf der Bühne sind nur Dirigent John Axelrod und vier Bläser, deren Motive in dieser fragilen Version noch mehr als sonst wie Einsprengsel aus einer anderen (Klang-)Welt wirken.

Selbst Avner Dormans „Spices, Per-fumes, Toxins!“ für zwei Schlagzeuger und Orchester, vom Notentext her sicher das anspruchsvollste Werk des Abends, enthält duftige, hauchzarte Passagen. Schlagzeuger Manuel Hofstätter erweist sich hier als einer von vielen kongenialen Partnern Grubingers. Denn dass das Konzert ein so großer Erfolg wird, hat nicht nur mit dem Ausnahmekünstler aus dem Salzkammergut, sondern auch mit seinen Kollegen zu tun. Grubingers Vater, Martin Grubinger senior, eigentlich auch Schlagzeuger, brilliert im zweiten Teil mit einer wild verdrehten Tanzeinlage. Perkussionist Ismael Barrios verzaubert ein ums andere Mal mit gefühlvollen südamerikanischen Rhythmen. Bassistin Burgi Pichler wartet sogar mit stilechtem Bluesgesang auf.

Der Sendesaal als Hexenkessel

Der Rest ist Musikspektakel, Party, die den altehrwürdigen Sendesaal in einen Hexenkessel verwandelt. Dass Martin Grubinger die engen Grenzen der Klassik geflissentlich ignoriert, macht er schon in seiner Anmoderation deutlich: Zu Beginn seiner Arbeit mit der Camerata habe man „gejodelt, Plattler, Mozart gespielt, alles eben, was Österreich so bietet“, sagt er und stellt den berühmtesten österreichischen Komponisten damit zwanglos in eine Reihe mit traditioneller Volksmusik. „Wir sind richtig heiß auf das Konzert“ verspricht er. Was das heißt, zeigt er dann mit schwindelerregenden Soli: vor allem in Wolf Kerscheks „Jazz-Suite“ und dessen „Balkangrooves“. Grubinger bedient die Marimba ebenso virtuos wie die Kleine Trommel oder die Hi-Hat und führt mit seinen Schlägeln akrobatische Kunststücke auf.

Das Faszinierendste ist: Er lacht dabei, wirkt selbst bei extremen Passagen so, als würde er sagen: „Yeah, Freunde, einen habe ich noch“. Es sind Hunderte, Tausende Schläge, die er noch hat.

Dazu kommt mit John Axelrod ein Chef am Pult, der neben dem klassischen Dirigat auch das Fingerschnippen und Hüftwackeln beherrscht - und das Publikum zum Mitswingen animiert. Ergraute Zuhörer benehmen sich plötzlich, als wären sie auf einer Ü-60-Party. Es ist Unterhaltung im besten Sinne: ein großer musikalischer Spaß.

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