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Kultur Schloss Akkord Musikfestival zu Gast im Amtsgericht Hannover
Nachrichten Kultur Schloss Akkord Musikfestival zu Gast im Amtsgericht Hannover
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19:48 30.08.2011
Eifersucht trennt die Liebenden. Quelle: Steiner
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Hannover

Eifersucht ist nicht strafbar, aber meist Strafe genug. Schließlich weiß sogar der Volksmund, dass Eifersucht eine Leidenschaft ist, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Das aber führt nicht selten zu kriminellen Handlungen.
Deshalb war es eine reizvolle Idee, dass das Schloss Akkord Musikfestival seine diesjährige NeuproduktionEifersucht“ nicht nur im heimischen Schloss Oelber, sondern auch in Justizgebäuden präsentierte: im Frauengefängnis Vechta, dem Amtsgericht Braunschweig, dem Kriminalgericht Moabit und zum Abschluss im Amtsgericht Hannover.

Dort hieß das einmütige Urteil „Freispruch“, selbst bei den Schöffen im Publikum, deren Sicht auf die musikalische Gerichtsverhandlung baubedingt eingeschränkt war. Da mag es mancher als ausgleichende Gerechtigkeit verstanden haben, dass man von den billigeren Stehplätzen im ersten und zweiten Stockwerk wahrscheinlich besser gesehen hat als die Platzbesitzer, die nicht direkt auf die Haupttreppe blicken konnten.

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Aber das machte ebenso wenig wie die Tatsache, dass nicht jeder verstand und zu übersetzen wusste, was die beiden Liebenden und Leidenden mal auf Italienisch und mal auf Englisch verhandelten: Georg Friedrich Händels Musik war aussagekräftig genug. Die barocke Affektlehre funktioniert sogar bei jenen, die nicht wissen, was das ist und wie das geht: Die tönenden Formeln für die Leidenschaften sind offenbar zeitlos gültig.

Danya Segal ist so etwas wie die Mutter der Compagnie auf Schloss Oelber, sie zeichnet für Konzept und Produktion (und spielt Blockflöte im Ensemble Musica Alta Ripa). Was sie sich nun zum Thema „Eifersucht“ hat einfallen lassen, ergibt eine reizvolle Spiegelung zu jenem Händel-Abend, mit dem der Barock-Sommer in Herrenhausen begonnen hatte. Wie „Semele Walk“ ist auch „Eifersucht“ eine geschickte Bündelung händelscher Musikstücke. Beide ebenso kurzen wie kurzweiligen Aufführungen münden am Ende in einen Popsong, wobei Kate Bushs’ „Wuthering Heights“ (in dem von Eifersucht die Rede ist) noch etwas besser passt als in Herrenhausen Annie Lennox’ „Sweet Dreams Are Made Of These“. Während sich „Semele Walk“ auf Händels gleichnamiges Oratorium konzentrierte, blättert die Schloss-Akkord-Produktion in Händels Werkverzeichnis und wurde fündig. Noch ein Unterschied: Wo die Kunstfestspiele Herrenhausen klotzten, da wurde hier zwar nicht gekleckert, aber doch mit viel sparsameren Mitteln gearbeitet. Regisseurin Olga Motta sorgte auch für die Kostüme – was braucht es auch mehr als einen dunklen Anzug und ein Brautkleid (und noch ein bisschen Wäsche mehr).

So schreiten Countertenor Kai Wessel und die Sopranistin Ana Durlowski zusammen mit dem stummen Amor (Constantin Zabel), der später das Streitobjekt Scheidungskind sein wird, die große Treppe herab: ins Glück? Schon schwingen Klageklänge mit im hallmächtigen Treppenhaus. Schnell stellt sich Misstrauen ein, ist das Zerwürfnis da: Zwei Instrumentalisten fungieren als Scheidungsanwälte.

Man leidet und klagt – und klagt an. Countertenor Kai Wessel macht das furios, auch als Bariton. Und Ana Durlowski ist umwerfend: präsent, stimm- und ausdrucksstark. Die Akustik verstärkt den Sound vom Ensemble Musica Alta Ripa, das Bernward Lohr vom Cembalo aus leitet: Das ist vielleicht nicht stilistisch lupenrein, aber effektvoll.

Mit klaren Effekten arbeitet auch Olga Mottas Inszenierung. Und mit präzisen Bildern. Ein Cellobogen wird da zum Selbstmordinstrument, auf kleine Fluchten folgt der große Abgang. Statt Theaterblut fließt roter Stoff. Das letzte Wort aber hat die Musik: Danya Segals Flötentöne verlieren sich im Raum, wie ein Plädoyer, das keiner zu hören scheint. Und das doch ankommt. Großer Beifall.

Rainer Wagner