Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Schluss mit der Gier!
Nachrichten Kultur Schluss mit der Gier!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:57 03.11.2009
Jim Carrey als Geizhals: Ebenezer Scrooge.
Jim Carrey als Geizhals: Ebenezer Scrooge. Quelle: Disney
Anzeige

Schon der Anblick der Hauptfigur ist ein Genuss. Ein dürrer Kerl steht vor leinwandfüllenden Spukgestalten. Seine Figur hat sich der Hungerhaken über die Jahrzehnte zugelegt, um klarzumachen: Hier drin ist kein Platz für Weiches. Der Kerl ist Ebenezer Scrooge, der verrufenste Geizhals der westlichen Kultur, zu sehen in einer der größten Kinoüberraschungen des Jahres, in Robert Zemeckis’ Variante von Charles Dickens’ 1843 erschienener Erzählung „Eine Weihnachtsgeschichte“.

Fast jeder kennt die schaurig-schöne Mär. Wie der kaltherzige Scrooge, der die Armen ebenso verachtet wie die Fröhlichkeit, zu Weihnachten von Spukgestalten heimgesucht wird. Wie die ihm zeigen, wer er einmal war, wie alle anderen ihn nun erleben und wie es mit ihm enden wird, als jaulende Bratseele im ewigen Höllenfeuer. Und dann wandelt sich Scrooge erschüttert zum guten Menschen.

Oft ist die Weihnachtserzählung schon verfilmt worden, mal in heutige Businessetagen verlegt, mal von Muppet-Puppen nachgespielt. Fragwürdig schien, dass die Disney-Studios noch einmal mit einer animationstechnisch gigantomanischen Fassung anrücken: Jim Carrey und andere Schauspieler wurden mit der Motion-Capture-Technik abgetastet und als Trickfiguren in eine digitale 3-D-Filmwelt eingebettet.

Regisseur Robert Zemeckis („Forrest Gump“) überzeugt voll und ganz – anders als bei seinem „Polarexpress“ von 2004, in dem Tom Hanks zur Trickfigur wurde. Die Technik ist nun darüber hinweg, sich selbst als Attraktion vorzuführen. Der Film ist so packend, ergreifend und entrückend inszeniert wie nur je ein Realfilm. Bild um Bild erleben wir faszinierende Räume, schräge Gestalten, wundersame Gesichter.

Brillante Regieeinfälle, sorgsam umgesetzt, so könnte man den Film kurz beschreiben. Der Geist der vergangenen Weihnacht etwa taucht als unruhig flackerndes Kerzenmännchen auf. Den eigenen Löschtrichter trägt es schon bei sich, und sein Flammengesicht stellt eine weitere Variation von Carrey dar. Aber damit wäre nur der halbe Film gelobt.

Dieses Werk bringt Dickens’ Botschaft wieder zur Wirkung. Weil die verfremdeten Bilder nicht anbiederisch behaupten, unsere Zeit der Gier und Sozialkürzungen zu zeigen, können wir die nötigen Verbindungen in unserer Phantasie herstellen. Zemeckis liefert die schlüssige Antwort, warum er sich weder für einen Real- noch für einen Animationsfilm, sondern für etwas dazwischen entschieden hat. Sein Kino verhext. Wir erkennen den echten Schauspieler, aber wir sehen auch, dass er in etwas anderes überführt wurde. Die Überführung hat nicht nur etwas Exotisches, sondern auch etwas Dringliches. Wer solche Wunder beherrscht, dem sollte man gut zuhören. Vielleicht hat er Wichtiges zu sagen.

Wie human die Botschaft des Films ist, merkt man daran, dass das größte gestalterische Problem zu vernachlässigen ist: Das Gesicht des alten Scrooge ist fast eine Krabbenschere, so biegen sich lange krumme Nase und langes krummes Kinn aufeinander zu. Mit anderen Worten: Dieser Geldverleiher müsste als wüste antisemitische Karikatur Entsetzen auslösen. Doch kann man nicht eine einzige Szene als antisemitisch empfinden. Die Reichen können sich ändern, sagt Zemeckis. Mit so bezwingendem Charme, dass man es zwei Stunden lang glaubt.

Von Donnerstag an im Kino.

von Thomas Klingenmaier