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Kultur „In meinem Leben gab’s genug Torheiten“
Nachrichten Kultur „In meinem Leben gab’s genug Torheiten“
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07:42 27.08.2014
Quelle: dpa
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Die weibliche Hauptfigur Ihres Romans erinnert an Wedekinds Lulu, sie heißt Irene Adler, wie die Frau, die Sherlock Holmes verführte. Sehen Sie sie eher als Femme fatale oder als Opfer der Männer?
Die Femme fatale ist eine Projektion männlicher Fantasien, und Macht über Männer zu haben und von ihnen benutzt zu werden schließt einander nicht aus. Irene Gundlach, geborene Adler, befreit sich aus den Rollen, die die Männer auf sie projizieren. Sie lernt, sich von den Männern nicht benutzen zu lassen, lernt, die Männer zu benutzen. Sie ist verletzlich und lebt zugleich ein selbstständiges, selbstbestimmtes Leben.

Im Roman fordert ein reicher Geschäftsmann seine Frau im Tausch für ein Gemälde zurück, der Erzähler soll als Anwalt den Vertrag aufsetzen. Wie hätten Sie sich als Jurist verhalten, wenn Ihnen ein solch unmoralischer Auftrag erteilt worden wäre?
Als Anwalt hätte ich den Vertrag nicht aufsetzen dürfen - der Auftrag ist nicht nur unmoralisch, sondern mit den beruflichen Pflichten eines Anwalts unvereinbar. Was ich allerdings gemacht hätte, wenn ich, wie der Erzähler, in die Frau verliebt gewesen wäre und, um ihr helfen zu können, auf den unmoralischen Auftrag hätte eingehen und den Vertrag aufsetzen müssen, ist etwas anderes. Was ist wichtiger, die berufliche Pflicht oder die Liebe?

Ein alter Mann ist in seine Bilder verliebt, mehrere Parteien streiten sich um ein wertvolles Gemälde. Hat der Gurlitt-Skandal Sie zum Schreiben dieses Romans inspiriert?
Die Geschichte Gurlitts, eines Lebens mit Bildern statt mit Menschen, in Gehäusen statt in der Welt, ist gewiss Stoff für einen Roman - einen anderen Roman. Mit meinem Roman hat die Geschichte Gurlitts nichts zu tun.

In Ihren Heidelberger Poetikvorlesungen heißt es, alles Schreiben sei Schreiben über die Vergangenheit. Was bedeutet das im Hinblick auf Ihren aktuellen Roman?
Der Erzähler entschließt sich, nicht zurück nach Deutschland zu fliegen und sich um seine Kanzlei zu kümmern, sondern in Australien zu bleiben und Irene zu suchen - und mit ihr seine Vergangenheit. Er hat das Gefühl, in Deutschland gebe es nichts, auf das er nicht verzichten könne, nichts, bei dem man nicht auf ihn verzichten könne.

Das Altern ist ein zentrales Thema des Romans. Der Erzähler hat die Vorstellung, jeder dürfe so lange arbeiten, wie er wolle, dann drei Jahre voller Torheiten genießen. Sie haben gerade Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Verlangt es Sie nach Torheiten?
Der Erzähler hat mancherlei sonderbare Vorstellungen - zu der, die Sie erwähnen, gehört, dass schon junge Menschen sich vom Arbeiten verabschieden und drei Jahre von der Gesellschaft alimentiert nach Lust und Laune genießen dürfen, sich danach aber auch vom Leben verabschieden müssen. Wonach es mich verlangt? Es gibt Menschen, mit denen ich gern mehr Zeit verbringen, Sachen, die ich gern noch schreiben, Reisen, die ich gern noch machen möchte. In meinem Leben gab’s genug Torheiten, solche und solche, und vermutlich wird es weiter welche geben, ob es mich nach ihnen verlangt oder nicht.

Lässt sich der Roman auch als Abgesang auf die Rente mit 67 verstehen?
Das ist eine Idee, auf die ich nie gekommen wäre. Aber wenn wir anstelle der fragwürdigen Vorstellung des Erzählers eine positive entwickeln wollen - sollte es nicht eigentlich so sein, dass jeder eine Arbeit hat, die er gern tut, arbeiten kann, so lange er will, und aufhört, wenn er das Gefühl hat, nun sei’s genug?

Interview: Nina May

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