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Kultur Schriftsteller José Saramago ist im Alter von 87 Jahren gestorben
Nachrichten Kultur Schriftsteller José Saramago ist im Alter von 87 Jahren gestorben
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17:13 18.06.2010
Der portugiesische Schriftsteller José Saramago Quelle: ap (Archiv)
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Der portugiesische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger José Saramago ist tot. Der Autor verstarb am Freitag im Alter von 87 Jahren auf der spanischen Kanaren-Insel Lanzarote, wie eine Verlagssprecherin der Nachrichtenagentur AFP in Madrid sagte. Der Romancier, Lyriker und Essayist fordert in seinen teils surrealen Werken zu Hellsichtigkeit und Auflehnung auf.

José Saramago wurde im November 1922 im zentralportugiesischen Dorf Azinhaga geboren. Seine Eltern waren Bauern ohne Land und übersiedelten in die Hauptstadt Lissabon. Dort musste Saramago im Alter von zwölf Jahren wegen der Geldnöte seiner Familie das Gymnasium verlassen. Er machte eine Lehre als Schlosser und übte den Beruf zwei Jahre lang aus. Von klein auf hörte er mit Begeisterung den Geschichten seines Großvaters zu und las in Büchereien alles, was ihm in die Hände fiel.

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Schon als junger Mann begann Saramago zu schreiben, doch als sein erster Roman „Terra do Pecado“ (Land der Sünde) 1947 kein Erfolg wurde, hörte er für 19 Jahre mit der Schriftstellerei auf. „Ich hatte nichts zu sagen“, sagte er später über diese Phase. Arbeit hat er in dieser Zeit in Behörden, Verlagen und Zeitungen. Schließlich veröffentlicht er 1966 wieder ein Werk - diesmal eine Sammlung von Gedichten unter dem Titel „Os Poemas Possíveis“ (Die möglichen Gedichte).

Literarischer Erfolg blieb ihm auch in dieser Zeit noch verwehrt, überdies geriet er durch seine politischen Überzeugungen in Schwierigkeiten. Als Mitglied der in der Salazar-Diktatur verbotenen Kommunistischen Partei nimmt er im April 1974 an der „Nelkenrevolution“ teil, die dem Regime ein Ende bereitet. Doch wegen seiner politischen Haltung wird Saramago ein Jahr später als stellvertretender Direktor der großen Tageszeitung „Diario de Noticias“ gefeuert. Saramago schlägt sich mit Übersetzungsarbeiten durch und veröffentlicht zwei Jahre später seinen zweiten Roman „Handbuch der Malerei und Kalligraphie“.

Seinen Durchbruch aber hatte er erst fünf Jahre später im Alter von 60 Jahren mit „Das Memorial“ (1982), einer Liebesgeschichte im 18. Jahrhundert. Es folgten zahlreiche weitere Werke, darunter „Das steinerne Floß“ (1986) und schließlich das Skandalbuch „Das Evangelium nach Jesus Christus“, das 1991 in Portugal für Entrüstung sorgte, weil es sexuelle Beziehungen zwischen Jesus und Maria Magdalena beschreibt. Saramago war so erbost über die Aufregung in seiner Heimat, dass er sich mit seiner zweiten Frau Pilar del Rio auf Lanzarote niederließ.

Im Jahr 1998 erhielt Saramago den Literaturnobelpreis - der internationale Ruhm ermöglichte auch eine Aussöhnung mit seiner Heimat, wo die Lissaboner Stadtverwaltung ihm ein Gebäude für seine Stiftung zur Verfügung stellte. Politisch unbequem und umstritten blieb der Portugiese bis zum Schluss. Seine Beschreibung der Bibel als „Handbuch der schlechten Sitten“ sorgte ebenso für Entrüstung wie sein Vergleich der Lage im von Israel besetzten Westjordanland mit dem Vernichtungslager Auschwitz.

Seit 2008 hatte Saramago einen Blog in dem er seine wachsende Abneigung gegen das Weltgeschehen äußerte, „wo Millionen Menschen geboren werden, um zu leiden, ohne dass es irgendjemanden interessiert“. Im vergangenen Jahr hatte der Literat schließlich Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi als „Verbrecher“ gegeißelt, der „das Herz einer der reichsten Kulturen der Welt zu zerstören droht“.

afp

Johanna Di Blasi 17.06.2010
Ronald Meyer-Arlt 17.06.2010