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Kultur „Du musst dein Leben ändern!“
Nachrichten Kultur „Du musst dein Leben ändern!“
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00:15 15.01.2014
Von Jutta Rinas
Quelle: Peter Hassiepen
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Hannover

Wie nahe dürfen ein Lehrer und ein Schüler sich sein? Was passiert, wenn Grenzen überschritten werden? Darum geht es in Ihrem neuen Roman. War die Debatte um den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ein Anlass dafür?

Nein. Gar nicht. Ich habe die Debatte nicht einmal genau verfolgt. Hätte ich es getan, so hätte ich diesen Aspekt vermieden, um den Roman nicht zu sehr ins Aktuelle zu rücken. Es geht bei mir ja auch nicht um eine körperliche, sondern vor allem um eine geistige gegenseitige Anziehung – auch wenn das nicht ganz zu trennen ist.

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Interessant ist, dass Sie – anders als in vielen anderen Romanen – nicht den Schüler, sondern den Lehrer ins Zentrum stellen ...

Das stimmt, je weiter man das Buch liest, umso mehr erzählt der Lehrer über die Geschichte seines Schülers auch seine eigene, die seines Hinausdriftens aus der Welt. Er beobachtet, wie sein  Schüler erwachsen wird – und ist dabei selbst nie richtig erwachsen geworden.

Norbert Gstrein

... wurde 1961 in Mils, Tirol, geboren. Er studierte Mathematik und Sprachphilosophie in Innsbruck und Stanford und erregte schon mit seinem literarischen Debüt großes Aufsehen. Für Bücher wie „Die englischen Jahre“, „Die Winter im Süden“, „Das Handwerk des Tötens“ oder „Die ganze Wahrheit“, wurde er vielfach ausgezeichnet. „Eine Ahnung vom Anfang“, 352 Seiten, 21,90 Euro, ist bei Hanser erschienen. Norbert Gstrein spricht am Dienstag, 14. Januar, von 19.30 Uhr an im Literaturhaus mit dem hannoverschen Soziologen Hartmut Griese über „Übergänge – Jugend und Erwachsensein“. HAZ-Redakteurin Martina Sulner moderiert. Karten: (05 11)1 68 4 12 22.

Ihr Lehrer will am Leben eines Jungen teilhaben, der am Anfang steht, dessen Leben noch unendlich viele Möglichkeiten birgt. Was hat Sie an dieser Konstellation gereizt?

Ein Antrieb war auch, über meine eigenen Anfänge nachzudenken. Wie ich zum Leser geworden bin beispielsweise und die Möglichkeit bekam, nicht nur in der Realität zu leben, sondern auch in der Literatur. Mich dort zu spiegeln, neu zu erfinden, manchmal auch dem realen Leben zu entfliehen. Das Bücherlesen spielt auch für den Lehrer in meinem Roman eine zentrale Rolle.

Können Bücher „gefährlich“ sein? Es ist eine provokante These in ihrem Roman, dass möglicherweise Bücher den suizidalen Bruder des Lehrers und dann seinen Schüler auf Abwege bringen.

Es hat ja Zeiten gegeben, im 18. Jahrhundert etwa, in denen man glaubte, dass Romane gefährlich sind: für Frauen beispielsweise, die durch zu viel Lesen angeblich auf falsche Gedanken kamen, also auf richtige. Das ist nicht so abwegig. In jedem Roman steckt, wenn er gut ist, auch die Aufforderung: Du musst dein Leben ändern! Heute liest fast niemand mehr so obsessiv, dass er das denken würde, aber im Kern hätte der Roman das Potenzial noch, eine Welt umzustürzen.
Ihre Protagonisten verbringen einen Sommer in einem Haus am Fluss. Die Szenen, in denen Sie das schmerzhaft Intensive, Flirrende, das scheinbar Zeitlose dieser Wochen beschreiben, sind außerordentlich schön. Hatten Sie einen realen

Sehnsuchtsort vor Augen?

Ich habe mich dafür tatsächlich an einem bestimmten Ort aufgehalten, ihn aber stark in die Fiktion gezogen. Wer will, kann in einer Gegend in Tirol, in der Landschaft, in der meine Mutter aufgewachsen ist, eine Entsprechung finden. Ich habe aber die Größenverhältnisse geändert. Der Fluss in meinem Roman ist eher der Mississippi als der Inn.

Was verändert es, wenn Romanpassagen aus der Wirklichkeit stammen?

Es erleichtert das Schreiben erheblich, wenn man auf Reales zurückgreifen kann. Die Emotion kommt aus der Realität, so verschoben man sie auch in Büchern wiedergibt.

Ihre Landschaft entwickelt einen regelrechten Sog ...

Ich wollte tatsächlich versuchen, die Zeit anzuhalten. Das ist ein paradoxes Unterfangen, weil die Sprache ein lineares  Medium ist. Sie entwickelt sich immer weiter, Wort für Wort, Satz für Satz. Man kann es trotzdem versuchen.

Half Ihnen auch Literatur? Ein heißer Sommer, dazu ein jugendlicher Aufbruch, das ist ja auch ein literarischer Topos ...

Ein wichtiges Buch war „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ von Mark Twain, diese großartige Abenteuergeschichte, die in mir schon als Zwölfjährigem die Sehnsucht weckte, wenn schon nicht nach Amerika, dann zumindest in die Literatur zu fliehen. Faulkners Romane waren wichtig. „Eine Ahnung vom Anfang“ ist auch so etwas wie ein amerikanischer Südstaatenroman, der in Tirol spielt.

Daniel wird später verdächtigt, Terrorist geworden zu sein. Wie viel Schuld können Erwachsene an so einer Entwicklung tragen?

Das kann ich kaum beantworten. Für mein Leben trage ich die Verantwortung ganz allein. Bei meiner Tochter weiß ich, ich habe eine Verantwortung. Jeder sollte aber irgendwann beginnen, die Verantwortung für sein Leben bei sich selbst zu suchen. Wenn ich die Schuld Mutter oder Vater gebe, delegiere ich sie nur weiter. Am Ende lande ich, ganz katholisch, bei Adam und Eva.

Apropos katholisch: Ihr des Terrors verdächtiger Schüler hat keinen muslimischen, sondern einen christlichen Hintergrund. Warum?

Ein muslimischer Hintergrund hätte allzu sehr auf der Hand gelegen. Ich wollte die Geschichte einer Radikalisierung aus der eigenen Tradition heraus erzählen. Man stößt im Katholizismus erstaunlich schnell auf viel Potenzial ...

Zum Beispiel?

Der italienische Bußprediger Savonarola, der im Roman erwähnt wird, hat im 15. Jahrhundert eine Tugenddiktatur errichtet, in der alles, was Lust und Freude bereitete, buchstäblich auf dem Scheiterhaufen landete. Diese Vorstellung von Reinheit, die frei von allem Schmutz einer moderneren Welt ist, scheint mir nicht weit von den Ideen mancher afghanischen Gotteskrieger entfernt.

Sie haben in mehrere Romane reale Personen eingearbeitet: den im Kosovo-Krieg getöteten Journalisten Gabriel Grüner oder Suhrkamp-Verlegerin Ursula Unseld-Berkéwicz. In Ihrem neuen Buch schreibt der Schüler einen Schlüsselroman über den Lehrer. Reflektieren Sie da die eigene Schreibhaltung?

Es ist erstaunlich, wie viel mehr Aufhebens hier davon gemacht wird, wenn sich Personen in einem Roman wiederfinden, als beispielsweise in Amerika. In Philip Roths  „Ghostwriter“ ist unschwer Bernard Mallamud zu erkennen, in Saul Bellows „Humboldts Gift“ Delmore Schwartz. Man überschätzt die meisten Schriftsteller in ihrer Fähigkeit, Fiktion aus dem völligen Nichts zu schöpfen. Vieles kommt aus der Realität.

Und was sagt der ehemalige Suhrkamp- und heutige Hanser-Autor Norbert Gstrein über den Gerichtsstreit um seinen alten Verlag?

Meine Wahrnehmung des Konflikts ist eine andere als diejenige, die sich jetzt öffentlich durchsetzt. Das war nie ein Kampf der vielen Guten gegen den einen Bösen, kein Weiß und Schwarz. Die Haltung ist auch eitel: „guter Geist“, „böses Geld“. Da war viel Dunkelgrau auf beiden Seiten, aber es ist gut, wenn es bald ausgestanden ist.

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