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Kultur Bis das Wasser kommt
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13:40 17.10.2013
Von Kristian Teetz
Plötzlich tauchen beim Schreiben märchenhafte Figuren auf: Die Autorin Annika Scheffel. Quelle: Jens Gyarmaty/Suhrkamp
Hannover

Bevor sie verschwindet, verabschiedet sie sich mit einem Lächeln. Ein paar freundliche Worte in der Bahnhofshalle, dann muss Annika Scheffel wirklich los. Der Zug nach Berlin fährt in sechs Minuten ab. Eile ist geboten, man muss bei der Bahn ja immer mit allem rechnen, sogar mit Pünktlichkeit.

Eine Stunde zuvor sitzt die 30-Jährige in der Pâtisserie Elysée in Bahnhofsnähe. Hier, in ihrer Heimatstadt Hannover, redet die Romanautorin über ihre Kindheit und Jugend in Waldheim, über ihr Schreiben und ihren einjährigen Sohn. Sie erzählt, dass sie nicht nur Romane und Erzählungen, sondern auch Drehbücher und Skripte für eine Telenovela schreibt. „Allein von meinen Romanen kann ich nicht leben“, sagt sie.

Und sie spricht über ihren zweiten Roman, der „Bevor alles verschwindet“ heißt und – drei Jahre nach ihrem Debüt  – bei Suhrkamp erschienen ist: Der Ort, in dem alles verschwindet, ist ein kleines Dorf. Es soll geflutet werden. Der Fluss, der durch den Ort fließt, wird gestaut, „weil das besser ist. Wegen der Stromversorgung und der Lage und der Erschließung und so“, erklärt die Dorfbewohnerin Greta Mallnicht dem jungen David. Greta und David, der Bürgermeister Wacho, Mona und Marie, die Zwillinge Jula und Jules, sie sehen jeder auf seine Art dem Ende entgegen. Letztlich bedeutet es für sie genauso wie für die anderen Dagebliebenen den Weltuntergang, den Untergang ihrer Welt.

Der Leser erlebt die sechs Monate zwischen der Bekanntgabe der Entscheidung, den Ort zu fluten, bis zu dem Moment, an dem das Wasser kommt (das Ende steht am Anfang des Romans, insofern darf man es verraten), sehr intensiv mit. Das liegt vor allem daran, dass Scheffel ihren Personen hautnah folgt, sie dank ihrer genauen, poetischen, anteilnehmenden Sprache nicht aus den Augen verliert. Schwer auszuhalten ist etwa das Verhältnis des Dorfbürgermeisters Martin Wacholder, genannt Wacho, zu seinem Sohn David.
Der alkoholkranke Vater drangsaliert den Endzwanziger, er sperrt ihn ein, schlägt ihn. David flieht in seine Fantasie, wo er zärtliche Stunden mit einem Jungen namens Milo verbringt. Ein Hirngespinst eines Verängstigten, so könnte man meinen. Doch diesen Alles-wird-gut-Anker bildet sich nicht nur David ein, alle Bewohner des Dorfs sehen ihn.

Annika Scheffel mag das Sagenhafte und spart auch nicht mit Bezügen zur Märchenepoche Nummer eins, der Romantik. So heißt die Dorfgaststätte „Tore“, und vor ihr findet sich ein Brunnen. Und, man ahnt es, vor diesem Brunnen vor dem „Tore“ steht auch noch ein Lindenbaum. Genau wie im berühmten Volkslied des Romantikers Wilhelm Müller. Zudem läuft immer wieder ein blauer Fuchs als Symbol der Hoffnung der Dorfbewohner durchs Bild.

„Diese märchenhaften Figuren sind nicht geplant. Sie tauchen beim Schreiben auf“, sagt Annika Scheffel. Einem unumstößlichen Plan folgt sie bei ihren Geschichten sowieso nicht. „Ich habe die ganze Zeit beim Schreiben gehofft, dass ich den Ort irgendwie noch retten kann.“ Doch das Happy End blieb aus.

Wo genau Scheffels Geschichte spielt, lässt der Roman offen. „Mir war es wichtig, dass man den Ort nicht lokalisieren kann“, sagt sie. Recherchiert habe sie unter anderem im Archiv verschwundener Orte in der Lausitz. „Insgesamt 136 Lausitzer Orte mussten seit 1924 dem Braunkohlebergbau ganz oder teilweise weichen, über 25 000 Menschen verloren so ihre Heimat“, heißt es auf der Homepage des Museums. Viele dieser Orte liegen heute unter künstlichen Seen. Annika Scheffel fallen weitere Regionen ein, in denen Ortschaften unter Wassermassen verschwanden. Sie erzählt von der Okertalsperre, vom Edersee – einem Stausee in Nordhessen – oder vom portugiesischen Dorf Aldeia da Luz, das dem Alqueva-Stausee weichen musste.

Auch Annika Scheffel hat ihre Heimat verlassen, wenn auch natürlich unter wesentlich undramatischeren Umständen. „Ich habe 19 Jahre in Hannover gelebt, in einer bullerbüartigen Wohnsiedlung mit Spielen auf der Straße und der Eilenriede vor der Tür.“ Ihr Ehemann stammt ebenfalls aus Hannover, ihn hat sie in der Schule kennen gelernt. So lebt nun eine kleine hannoversche Exklave in Berlin-Moabit. „Mein Mann versucht gerade, aus unserem einjährigen Sohn einen 96-Fan zu machen.“ Der Kleine ist auch der Hauptgrund, warum Annika Scheffel noch häufig nach Hannover kommt. Schließlich wollen die Großeltern ihren Enkel möglichst oft sehen. „Aber ich bin unabhängig davon auch so immer noch gern in Hannover.“ 

Geschrieben hat Annika Scheffel schon früh. „Ich habe mir viele Geschichten für meine beiden Schwestern ausgedacht, habe Freunden zum Geburtstag kleine Erzählungen geschenkt.“ Sie habe immer schreiben wollen, „das war klar“. Aber Schreiben als Beruf, „das war überhaupt nicht geplant“. Während des Studiums in Gießen begann sie an „Ben“ zu arbeiten, der Geschichte, die ihr erster Roman werden sollte. Dieser erschien 2010 bei Kookbooks und wurde zu einem kleinen Überraschungserfolg, der im Grimmelshausen-Förderpreis mündete. „Ein sonderbares Buch ist das, in einem unglaublich schönen, frischen Ton“, schrieb Volker Weidermann in der „FAZ“ begeistert.

Bleibt die Frage: Ist „Bevor alles verschwindet“ ein Buch über das schwerwiegendste Verschwinden, das es gibt – den Tod? „Ja, auch. Aber es sollte ganz bewusst kein depressives Buch werden.“ Sie sagt, sie schreibe auch, um zu bewahren. „Es ist ja beides, ich lasse eine Welt entstehen, die verschwindet. Und wenn man wieder anfängt, das Buch zu lesen, ist die Welt wieder da.“

Annika Scheffel: „Bevor alles verschwindet“. Suhrkamp. 412 Seiten, 19,95 Euro.

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