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Kultur Schul(auf)führung „KomA“: Stück über Schulmassaker
Nachrichten Kultur Schul(auf)führung „KomA“: Stück über Schulmassaker
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12:49 10.04.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Maimouna-Maja Taal, Tim Halling, Gerline Griepenburg-Burow, Marvin Karger in der Schul(auf)führung „KomA“ Quelle: Katrin Ribbe

Eine Bühne kann vieles sein: Wald, Palast, Insel, Schlachtfeld oder auch Klassenzimmer. Natürlich weiß das Publikum, dass das kein echtes Klassenzimmer ist, aber man tut so, als sei es eines und als seien die Schauspieler, die dort auf den Stühlchen sitzen, Schüler. Das ist die Übereinkunft zwischen Theaterleuten und Zuschauern. So hat es eine Zeit lang ganz gut funktioniert. Aber immer wieder kamen Theoretiker und meinten, das sei verlogen und Theater müsse ganz anders sein – es soll zeigen, dass alles nur Spiel ist (Bertolt Brecht), archaisch und grausam eine eigene Wirklichkeit erzeugen (Antonin Artaud) oder die Welt einfach nur protokollieren, in dem es Spezialisten der Wirklichkeit zu Wort kommen lässt (Helgard Haug, Daniel Wetzel).

Versuche, aus dem Wirklichkeitsabbildungsinstrument Theater ein Wirklichkeitseroberungsinstrument zu machen, gibt es schon ziemlich lange. Gern verlassen die Theaterleute ihre teuren Spielstätten und spielen in Einkaufszentren, Industriebrachen oder Schulen.

Interessanterweise werden diese Orte stets ein bisschen weniger wirklich, wenn die Theaterleute kommen. Wenn sie in Klassenzimmern spielen, weiß das Publikum, dass der Klassenraum jetzt nicht nur Klassenraum ist, sondern auch Klassenraum bedeuten soll. Er ist dann aber kein doppelter Klassenraum, sondern nur ein halber. Denn hier wird nicht gelernt, sondern gespielt, dass gelernt wird. Der Klassenraum ist zur Bühne geworden. Das ist der Fluch der Theaterleute, und sie können ihn nicht loswerden: Alles, was sie anfassen, verwandelt sich in Spiel.

Trotzdem machen sie sich immer wieder auf in die Wirklichkeit. Jetzt hat das Junge Schauspiel Hannover, die Jugendabteilung des Staatsschauspiels, die Wirklichkeit ge- und besucht. In einer Schule spielt man „KomA“, ein Stück über Schulmassaker. Ist das dem Thema angemessen? Man spielt mit Laiendarstellern: Schüler stellen Schüler dar. Sie rufen „Peng“ und stürzen zu Boden. Dort bleiben sie eine Zeitlang wie tot liegen. Dann stehen sie auf und sagen, wie es war, erschossen zu werden. Ist das dem Thema angemessen?

Diese Frage ist gemein, denn welche künstlerische Ausformulierung kann in diesem Fall schon angemessen sein? Ein Amoklauf an einer Schule ist nicht richtig darstellbar. Selbst der Dokumentarfilm scheitert hier.

Aber Volker Schmidt und Georg Staudacher, die Autoren von „KomA“, und Mirko Borscht, der Regisseur, wollen ja auch keine Rekonstruktion eines Schulmassakers – trotz des Beginns, der so aussieht. Ihnen geht es um das, was zuvor geschah. „KomA“ rekonstruiert die mögliche Vorgeschichte eines Amoklaufs in einer Schule. Die Zuschauer lernen ein Stückchen Schulalltag kennen, man sieht aufsässige, durchgeknallte und streberhafte Schüler, wackere und verzweifelte Lehrkräfte treten auf, und öfter mal rennt ein merkwürdiger Junge durch die Szene, von dem man erfährt, dass er vor ein paar Monaten aus der Schule geworfen wurde. Das alles spielt sich nicht an einem einzigen Ort, sondern im gesamten Gebäude der hannoverschen Tellkampfschule statt. Das Publikum wird in Kleingruppen aufgeteilt und wandert treppauf, treppab und durch lange Flure, die nach Schwamm und Schulbrot riechen. Sogar die Toiletten und der Heizungskeller sind Spielorte. Weil die Gruppen ständig neu gemischt werden, sieht jeder Zuschauer sein ganz eigenes Theaterstück.

Einerseits ist es durchaus reizvoll, wie sich die Einzelszenen zu einem Gesamtbild zusammenfügen, andererseits ist das alles auch wie Zappen durch die Fernsehprogramme – wenn ein anderer die Fernbedienung hält.

Drei Stunden dauert die Schul(auf)führung. Das ist ein bisschen lang, zumal der Text vieler Darsteller eher improvisiert als gelernt erscheint. Schauspielerin Wiebke Frost, die eine Kunstlehrerin spielt, etwa sagt, um Wartezeit zu überbrücken, fortwährend: „Ich fass’ es nicht!“ Man fasst es nicht. Ihr Kollege Dominik Maringer (die beiden sind die einzigen Profis im Projekt) spielt einen sympathischen, und durchsetzungfähigen Musiklehrer, der dem Publikum auch gern mal Fachfragen zur vertrackten Taktfolge von Metal-Musik stellt. Die knapp 20 Schülerdarsteller aus verschiedenen Schulen der Region sind mit Leidenschaft bei der Sache, einige (wie etwa Larissa Semke, Paula Skalbania und Anouar Hamzaoui) verfügen über erstaunliche Bühnenpräsenz.

Nach den drei Stunden Spielzeit (immerhin vier Schulstunden, ohne Pause) sind die Zuschauer erschöpft und vielleicht auch ein bisschen verstört. Sie werden ja auch erheblich ins Spiel einbezogen. Zu Schluss steigert sich die Aggressivität in den Szenen aus dem Schulalltag. Die Zuschauer werden angerempelt, mit Ballongummis beschossen, von Kreidefingern berührt. Das ist zwar alles nur im Rahmen des theatereigenen „als ob“ – aber der Kreideabdruck auf der Jacke bleibt.

Weiteres zum Thema und Termine finden Sie hier.

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