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Kultur „Schwarze Jungfrauen“ im Ballhof 2 in Hannover
Nachrichten Kultur „Schwarze Jungfrauen“ im Ballhof 2 in Hannover
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20:25 28.03.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Kein Stück der leisen Töne: Junge Muslimin (Sachiko Hara) im Glaubensk(r)ampf. Im Hintergrund Sandra Bayrhammer. Quelle: Handout

It’s party time im Ballhof 2: Hinter einer schicken Küchenzeile stehen fünf junge Menschen, vier Frauen, ein Mann. Sie schnippeln Gemüse oder lugen erwartungsvoll in einen Römertopf. Aber die Party verläuft anders, als die verlockenden Düfte, die durch den Theatersaal ziehen, verheißen. Es wird recht ungemütlich, ja, bedrohlich. Das Stück zeigt nicht, was da auf dem Herd, sondern in den Figuren brodelt. Ihrem Partyoutfit zum Trotz schlüpfen die Darsteller in die Rollen fanatischer Musliminnen, die voller Wut ihre Dschihad-Phantasien hinausschreien.

Es ist schon, in vielerlei Hinsicht, ein starkes Stück, was da im Ballhof 2 auf der kleinen Bühne präsentiert wird. Lars-Ole Walburg nimmt hier eine Inszenierung von „Schwarze Jungfrauen“ auf, die er für das Wiener Burgtheater erarbeitet hat. Vieles spielt sich dabei hinter einem Vorhang aus Schnüren ab, der zugleich als Projektionsfläche von Videoaufnahmen dient: Voll verschleierte Frauen laufen da beispielsweise, bedrohlich und, wie es scheint, unaufhaltsam auf die Zuschauer zu. Von einer eher entspannenden George-W.-Bush-Pantomime, die das Feindbild dieser entfesselten jungen Frauen parodiert, setzt Walburg auf die schnelle Abfolge schriller Szenen, die überwältigen wollen und es auch tun.

Das ist sicher im Sinn der Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, die das Stück aus zehn Interviews kombiniert und zu eloquent-aggressiven Monologen verdichtet haben. Der in Anatolien geborene Kieler Zaimoglu, der sich selbst als deutscher Muslim versteht, will hier Musliminnen eine Stimme geben. Er interessiert sich dabei für die Extreme, nicht nur für politisch-religiöse, sondern auch sprachliche Radikalität: Diese Frauen haben das ganz Schimpf-, Fäkal- und Drastikvokabular von coolen Großstadtgirlies drauf, sprechen ungeniert und ohne Punkt und Komma von Pornonutten, Arsch und herumschwulenden Pilznomaden, das F-Wort schwirrt den Zuschauern immer wieder wie Schrapnelle um die Ohren.

Die fünf Darsteller Sandra Bayrhammer, Sachiko Hara, Elisabeth Hoppe, Julia Schmalbrock und Martin Vischer nehmen die unterschiedlichen Rollen ein. Ein Partymädchen, das nichts auslässt, sieht sich trotz ihres freizügigen Lebenswandels mit ihrem Gott im Einklang; eine vom Hals ab gelähmte junge Frau genießt mit schlechtem Gewissen Oralsex mit dem Pfleger, eine andere möchte Hausfrau werden, damit sie nicht so viele Leute treffen muss. Eine Juristin – die zum Purismus neigende Intellektuelle ist denn auch die einzige Jungfrau – glaubt an die kommende Herrschaft des Islams und preist Osama bin Laden als wahren Helden. Aggressiv lehnen sie einen „weich gespülten Islam“ ab und verhöhnen das Christentum als Kult um einen Halbnackten, der an einem Folterinstrument hängt. Diese selbstbewusst auftretenden Musliminnen machen sich auch über Machomänner lustig, die, obwohl selbst „Rammler“, nur eine Jungfrau ehelichen wollen.

Das Stück zielt auf Provokation, spielt mit Klischees und zersetzt sie. Es fehlt dabei jede Ausgewogenheit, jedes didaktisch durchdachte Buhlen um „Verständnis“, und es schützt sich nicht vor Missverständnissen oder „Beifall von der falschen Seite“.

Die Autoren dokumentieren eine Verwirrung von jungen, modernen Frauen, die das Leben im freizügigen Westen, das sie selbst leben, zugleich verachten, und die eine ideale Reinheit herbeisehnen, wie sie „der Islam“ zu versprechen scheint. Was ihre Religion ausmacht, bleibt wirr, klar ist nur das Feinbild: Die Zivilisation ist für sie „Hurenbabylon“, der Teufel der amerikanisch-jüdische Imperialismus“. Hier wird das Gefühl, verachtet zu werden, zum Impuls für die Verachtung der Verächter.

Wer alt genug ist, erkennt hier Parallelen zum juvenilen Radikalismus der siebziger Jahre hierzulande. Diese selbstgerechte Fixierung auf einen hassenswerten Feind, die selbstverliebte Koketterie mit Gewaltandrohungen, die Verachtung der liberalen Spießer, die Wirrnis, die es erlaubt, „Marx und Coca-Cola“ oder Libertinage mit Glaubensstrenge zu kombinieren. Und endlich der totalitäre Größenwahn (wir werden bald die Gesellschaft erobern) oder wie es „die Juristin“ sagt: „Wir sind die neue Wirklichkeit.“

Das Stück will den Wohlmeinenden auf den Nerv gehen und ihnen die gewohnte Beschützergeste eines patriarchalischen Feminismus austreiben. Es lässt sich als ein konfrontativ und provokativ angelegter Appell verstehen, sich einmal für das wirkliche Denken der jungen Muslime zu interessieren und endlich einmal diesen „Kopftuchmädchen“ zuzuhören und mit ihnen tatsächlich auch zu sprechen, statt nur über ihre Köpfe hinweg Vermutungen anzustellen.

Das Stück wird am Montagabend und am 6., 16. und 30. April, jeweils um 19.30 Uhr gespielt. Karten unter 0511-99991111.

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