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Kultur Schweizer Musiktheater gastiert mit "Novecento" in Hannover
Nachrichten Kultur Schweizer Musiktheater gastiert mit "Novecento" in Hannover
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20:20 24.04.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Sie erzählen eine ozeanische Geschichte: Jürg Kienberger (rechts vorn) mit dem „Atlantic Jazz Orchester“.
Sie erzählen eine ozeanische Geschichte: Jürg Kienberger (rechts vorn) mit dem „Atlantic Jazz Orchester“. Quelle: Kultur
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Hannover

Die Weite des Ozeans schreckt ihn nicht. Denn da ist ja das Schiff. Und das hat einen Bug und ein Heck. Es ist groß, aber übersichtlich. Genau wie der Flügel: 88 Tasten - man kann einiges darauf machen, aber man kann sich nicht verirren. Die Leute, die vorbeikommen, werden in 2000er-Portionen geliefert. Alles sehr übersichtlich. Man ist ein paar Wochen mit ihnen zusammen, dann kommen schon die nächsten. Der Musiker namens Novecento ist glücklich auf See. 30 Jahre lang kreuzt er mit dem Luxusliner „Virginian“ über die Ozeane. Und zwar ununterbrochen.

Alessandro Bariccos märchenhafte Geschichte vom Jazzpianisten auf dem Ozeandampfer war in den neunziger Jahren ein großer Erfolg. 1998 wurde der Roman von Giuseppe Tornatore verfilmt, und bald kam die Geschichte auch auf die Bühne. Aus dem Stoff ein Theaterstück zu machen liegt nah, schließlich hat Baricco die Sache als Monolog angelegt: Der Jazzmusiker Max erzählt einem Musikalienhändler die Geschichte von Danny Boodmann T. D. Lemon Novecento, der auf einem Ozeanriesen geboren wurde (das Lemon in seinem Namen verweist auf die Zitronenkiste, in der das Findelkind lag). Nur einmal hat er die „Virginia“ (fast) verlassen: In New York wagte er sich auf die Gangway, zog sich aber schnell wieder ins Schiff zurück, weil ihm die Stadt so grenzenlos erschien.

Beim Gastspiel der freien Schweizer Theatergruppe „Ressort K“ aus Chur standen für den Monolog sechs Personen auf der Bühne. Das gesamte Bordorchester war angetreten - zum Spielen und zum Musizieren. Nikolaus Schmid war der Erzähler, Jürg Kienberger spielte den Jazzpianisten Novecento - oder, wenn man so will - seinen Geist. Denn die Erzählung kommt aus der Erinnerung. Novecento hat sein Schiff nicht verlassen. Als es nach dem Zweiten Weltkrieg mit Dynamit gefüllt und in die Luft gesprengt wurde, blieb er an Bord. Das ist das traurige Ende einer wunderbaren Geschichte über Kunst und Weltverweigerung, aus der das Ensemble federleichtes, zartwitziges Theater machte. Die fünf Herren und die eine Dame auf der Bühne sind ungemein musikalisch. Besonders Jürg Kienberger: Er singt im Falsett, imitiert Möwenschreie, so dass sie wie Musik klingen, spielt hervorragend Klavier und lässt mit nassen Fingern Gläser summen und sirren. Das Bordorchester spielt mit atemberaubender Akkuratesse, die Sänger sind fit in Gospel, Ragtime, Mambo und Jazz. Dieses Stück (inszeniert von Manfred Ferrari) ist eine kleine, traumschöne Kostbarkeit; schön, dass das Schauspiel Hannover die freie Gruppe eingeladen hat.

Intendant Lars-Ole Walburg hat angekündigt, das Schauspielhaus in der kommenden Spielzeit noch mehr für Gastspiele zu öffnen. Das könnte recht unterhaltsam werden. Auch wenn nicht gerade ein Luxusliner vorbeigedampft kommt.

Das nächste Gastspiel kommt wieder aus der Schweiz. Am 1. und 2. Mai präsentieren Ruedi Häusermann, Herwig Ursin und Jan Ratschko um 20 Uhr auf der Cumberlandschen Bühne einen Abend mit Schweizer Ländlermusik.