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Kultur Schwimmen in der Bilderflut
Nachrichten Kultur Schwimmen in der Bilderflut
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07:25 16.02.2012
Von Simon Benne
Ein politisches Bild: Der Tod Benno Ohnesorgs im Jahr 1967. Quelle: Archiv
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Hannover

In einem Punkt sind sich alle einig: Digitalisierung und Internet haben geradezu einen Sturm entfesselt. Nie zuvor wurden so viele Bilder so schnell verbreitet wie heute. Wir alle schwimmen in einer Bilderflut. „Visualität ist ein wesentlicher Nachrichtenfaktor“, sagt Karen Fromm, Dozentin für Fotojournalismus an der Fachhochschule Hannover. Manche Themen – etwa der Folterskandal von Abu Ghraib – würden von den Medien erst aufgegriffen, wenn es Bilder dazu gebe.

Ist also nur das in der Welt, was als Abbild um die Welt geht? Wie verändert der Bildersturm unsere Wahrnehmung? Wann entfalten Bilder manipulative Macht? Um diese Fragen kreiste jetzt eine Diskussion im Historischen Museum Hannover, das derzeit die Fotoausstellung „Bilder im Kopf – Ikonen der Zeitgeschichte“ zeigt. Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums, erinnerte daran, dass das berühmte Foto vom erschossenen Benno Ohnesorg einst politische Sympathien für die Studentenbewegung weckte. Und im Vietnamkrieg hätten „Life“-Fotoreportagen eine Gegenöffentlichkeit zur US-Propaganda geschaffen: „Wir müssen uns immer fragen, wer Bilder warum produziert“, sagte Krempel – und sah doch zugleich die Chance einer Demokratisierung durch die neuen medialen Bilderwelten.

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Als Programmdirektorin von Radio ffn ist Ina Tenz gewissermaßen Expertin dafür, ganz ohne visuelle Reize Bilder in Köpfen von Hörern entstehen zu lassen. Sie setzt darauf, dass in der Bilderflut auch die Medienkompetenz wachse: „Alle können heute Bilder machen, und jeder versucht, damit etwas zu suggerieren“, sagt sie. „Man wird Bilder künftig stärker hinterfragen, sie werden weniger manipulieren können.“ Dabei wissen viele Politiker um die Macht der Bilder: Tenz gab die Anekdote zum Besten, wie Christian Wulff sich nach einer verlorenen Wette mit einem Moderator einst einen Bart wachsen lassen musste – und sich höchst ungern so fotografieren ließ.

„Die Vorstellung mancher Politiker, sie könnten sich nach Belieben inszenieren, ist naiv“, sagte HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt. Denn je nach Kontext würde das Publikum ein Bild anders lesen: „Guttenberg auf dem Times Square – das steht heute nicht mehr für große Politik, sondern es ist eine Lachnummer.“ Nicht nur die Betrachter von Fotos, auch deren Produzenten müssen eben lernen, in der Bilderflut nicht unterzugehen. Und die viel beschworene Macht der Bilder kann sich schnell in Ohnmacht verkehren. Ausgerechnet die Titelseiten der „Bild“-Zeitung, bemerkte Brandt, seien heute oft weniger durch Fotos als durch Schlagzeilen geprägt: „Angesichts einer Überschwemmung mit Bildern ist der Reiz des gedruckten Wortes wieder stark.“

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