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Kultur Schwitters-Preisträger Theaster Gates stellt im Sprengel-Museum aus
Nachrichten Kultur Schwitters-Preisträger Theaster Gates stellt im Sprengel-Museum aus
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00:15 24.06.2018
Souverän, stark, machtbewusst – eine der „Black Madonnas“ von Theaster Gates Quelle: White Cube
Hannover

Der Hintergrund ist in dunkles Blau getaucht, bis auf einen weißen Rand. Der legt sich in dieser Collage aus Schwarzweißfotografie und Farbfläche fast wie ein Heiligenschein um die Silhouette einer schwarzen Frau, die auf den Betrachter hinabblickt. Souverän, stark, machtbewusst. Das ist ein Kunstwerk ganz nach dem Anspruch seines Schöpfers Theaster Gates. Dieser Künstler will zu einem Selbstverständnis von Schwarzen als „Black Power“ beitragen, indem er sie in kraftvollen Bildern zeigt, in „powerful images“, wie er sagt. Auf geradezu göttliche Kraft verweisen denn auch die Titel vieler Werke, die teils genauso heißen wie die ganze Ausstellung: „Black Madonna“ - eine Kunstschau, die der schwarze US-Amerikaner mit Fotos, Collagen und Assemblagen, Installationen und Performances um das Thema der Schwarzen Madonna gruppiert.

Um dieses Thema kreist der Künstler selbst seit Jahren. Er hat sich in Hannovers Sprengel-Museum so sehr für die Skulptur „Mutter und Kind“ (1918) begeistert, dass er sie in seiner Ausstellung zeigt – obwohl das Werk nur so dunkel ist wie der Beton, aus dem Wilhelm Lehmbruck sie gegossen hat. Gates hat vom schweizerischen Basel aus die Schwarze Maria von Einsiedeln entdeckt, er könnte in und um München allein drei Schwarze Madonnen auftun. Und er kennt natürlich den Kult um die Black-Power-Gruppe „Shrine of the Black Madonna“ in Detroit.

Soziale Plastik wie noch nie

Das ist die Nachbarstadt seiner eigenen Heimat Chicago. Dort ist Gates als neuntes Kind eines Dachdeckers und einer Lehrerin aufgewachsen, heute ist er international als der Mann bekannt, der künstlerische Interventionen wie kein anderer betreibt: Gates hat in verwaisten Gebäuden der Stadt, die seit 1968 eine Million Einwohner verloren hat, eine Kunsthalle und ein afroamerikanisches Filmarchiv, Bibliotheken und Buchläden eingerichtet, hat 32 Stadthäuser in Künstlerdomizile umgewandelt – und so in der Neuen Welt den von Joseph Beuys geprägten Begriff der sozialen Plastik um architektonische und stadtplanerische Dimensionen erweitert.

Theaster Gates ist also ein Grenzgänger zwischen den Kunstgattungen und damit ein würdiger Träger des mit 25.000 Euro dotierten Kurt-Schwitters-Preises der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der ihm 2016 zuerkannt wurde – weil er, ganz in der Tradition von Schwitters, „sozialpolitische Energien“ aktiviert, wie es in der Jurybegründung heißt.

Und nun also, ganz bescheiden, eine Madonnenausstellung? Es scheint vielmehr, als würde der 45-Jährige jetzt auf dem Alten Kontinent das Verständnis von Museumsinszenierung erweitern. Denn „Black Madonna“ heißt nicht nur die Ausstellung im Sprengel-Museum, unter demselben Titel startet er in diesem Jahr gleich drei Kunstschauen: In der Schweiz, im Kunstmuseum Basel, läuft „Black Madonna“ schon, in Deutschland, im Sprengel-Museum startet die Ausstellung jetzt, im Münchner Haus der Kunst geht es im Herbst weiter. Drei Orte, zwei Länder, eine Kunstschau?

Keine Wanderausstellung

„Black Madonna“ ist keine Wanderausstellung, betont Gates. Er setzt von Ort zu Ort unterschiedliche Akzente. Der Madonnenkult ist nur ein Beispiel für die roten Fäden, die er dabei zwischen den Häusern spinnt. Für München plant er ein einziges „Monumentalwerk“, wie er im Gespräch sagt. In Basel bietet er wie in Hannover Brückenschläge zur Sammlung, dort mit einem altmeisterlichen Muttergottesbild aus dem 16. Jahrhundert, und dort sind überdies eine Druckwerkstatt und ein Tonstudio eingerichtet. Von letzterem wird man auch in Hannover hören, denn Theaster Gates wird zusammen mit seiner Band, den „Black Monks of Mississippi“, Freitagabend beim Ausstellungsstart auftreten – und zu erwarten ist dabei nach seinen Worten eine ähnliche Mischung aus Improvisation, Jazz und Gospel, wie sie auch das Video „Delivery of a Black Holy Ghost“ in der Ausstellung zeigt.

Geisterglaube und Frömmigkeit, Heiligkeit und geistlicher Gesang - man merkt: Dieser Künstler setzt sich auf vielen Ebenen mit der Tradition und Kultur, der Geschichte und nicht zuletzt der Unterdrückung der Schwarzen auseinander. In Hannover lässt er einen hölzernen Ziegenbock auf Bahnschienen kreisen – und verweist damit auf ein (wohl nur behauptetes) Initiationsritual der Freimaurer, also eines weißen Männerbundes. Im Sprengel-Museum zeigt Gates Neonskulpturen, die die Grafiken von William Edward Burghardt Du Bois (1868-1963) aufgreifen, dem Bürgerrechtler, der als erster Schwarzer in Harvard sowie in Berlin (bei Heinrich von Treitschke) und in Heidelberg (bei Max Weber) studierte – und die Unterdrückung von Schwarzen in nüchternen Statistiken und Grafiken dokumentiert hat. Gates präsentiert überdies neugebundene Ausgaben des schwarzen „Jet“-Magazins so, dass sich die Gravuren auf den Buchrücken als Poem über den Konflikt zwischen Frauen und Macht lesen lassen. Er nutzt dafür die Ressourcen von Chicagos Johnson Publishing Company (JPC), des weltweit wichtigsten schwarzen Verlages, der nicht nur „Jet“ und auch das noch bekanntere Magazin „Ebony“ herausgegeben hat. Gates kann auch das große JPC-Fotoarchiv und damit reiches Bildmaterial aus Jahrzehnten schwarzen Daseins als Vorlagen für seine „Black Madonnas“ nutzen.

Sinnloses Rotieren weißer Männer also - und göttliche Erlösung durch schwarze Frauen? Aus den Werken selbst sind viele Querbezüge indes nicht unbedingt abzulesen. Wie stets bei der Konzeptkunst muss die Geschichte dazu erst erzählt werden. In Basel gibt es dafür eine Broschüre mit einem zwischen Theaster Gates und dem Kurator Søren Grammel geführten Zwiegespräch, das raumweise geordnet ist und so eine dialogische Führung durch die Ausstellung bietet. Bleibt zu hoffen, dass in Hannover ein ähnlicher Brückenschlag gelingt.

Theaster Gates: Black Madonna“. Bis 9. September im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Eröffnung am Freitag, 22. Juni um 19 Uhr mit der Übergabe des Kurt-Schwitters-Preises und einem Auftritt von Theaster Gates mit seiner Band „The Black Monks of Mississippi“ im Calder-Saal. Im Kunstmuseum Basel läuft „Black Madonna“ bereits, im Münchner Haus der Kunst startet die Ausstellung im Oktober.

Von Daniel Alexander Schacht

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