Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Scorpions veröffentlichen neues Album
Nachrichten Kultur Scorpions veröffentlichen neues Album
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 20.02.2015
Von Uwe Janssen
Die Herren Weltstars von nebenan: Bassist Pawel Maciwoda, Rudolf Schenker, Klaus Meine, Matthias Jabs und Schlagzeuger James Kottak (v. l.). Quelle: Sony
Anzeige
Hannover

Sagen wir es so: Man kam in den vergangenen Wochen an den Scorpions kaum vorbei. Da war zum einen das sage und schreibe 50. Bandjubiläum der Hannover-Rocker, auf das man sich das gesamte Jahr 2015 ein Kerzchen anzünden kann. Auf der Berlinale reckten sie wahlweise Daumen oder Victory-Finger in die Kameras, weil Katja von Garniers Band-Dokumentation „Forever and a Day“ dort vorgestellt wurde. Nebenbei machten sie einen Schlenker über ihre Heimat, um den Niedersächsischen Staatspreis einzusacken. Für eine Rockriege, die eigentlich schon im selbst gewählten Ruhestand sein wollte, ein ziemlicher Aktivitätenüberhang. Bekannt ist mittlerweile, dass die Scorpions weitermachen, und so gewöhnen sich alle an alles. Die Fans an die Nichtfans, die sich über Omnipräsenz und Politikernähe ihrer Lieblinge lustig machen, Sänger Klaus Meine an die Interviews, in denen er am Ende doch immer eine Frage gestellt bekommt, in der die Worte „endlich“ und „Schluss“ vorkommen. Alle anderen gewöhnen sich daran, dass die Scorpions wohl so lange rocken werden, bis sie die Stufen der Bühnentreppe nicht mehr schaffen.

Neues Album knüpft an alte Zeiten

Als ob es noch eines Beweises für den unerschöpflichen Schaffensdrang bedurft hätte, erscheint am Freitag das neue, 18. Studioalbum mit dem unmissverständlichen Titel „Return to Forever“. Mit Pathos hatten Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs als gewichtiger Teil des pathosfreundlichen Genres Hardrock noch nie Probleme. In diesem Fall schwingt im Albumtitel ein bisschen mit, dass die Mitt- und Baldsechziger in letzter Zeit allzuoft schmerzlich an die eigene Vergänglichkeit erinnert worden sind. Binnen eines halben Jahres starben mit Manager und Anwalt Peter Amend, Tourmanager Michael Gehrke und ihrem langjährigen hannoverschen Freund Wolfgang Besemer gleich drei enge Weggefährten.

Anzeige

Da kann eine gesunde Jetzt-erst-recht-Mentalität nicht schaden. Selbstverständlich wird das neue Album auch live gespielt – selbstverständlich auf einer Welttournee, es ist die erste Welttournee nach der dreijährigen Abschiedswelttournee. Wenn also Mick Jagger tatsächlich der Alterspräsident des Rock ’n’ Roll werden will, sollte er vorsichtshalber noch ein paar Jahre dranhängen. Die Scorpions fangen gerade erst wieder an.
Nach wie vor gilt: Je näher sie der von ihnen so geschätzten Heimat mit ihren Gitarren kommen, desto anstrengender wird es. Deutschland tut sich seit jeher schwer mit der Band, Hannover steht diesmal gar nicht auf dem Tourplan, jedenfalls vorläufig. Was nichts daran ändert, dass die Scorpions im Rest der Welt nach wie vor Stars sind. Hochverehrt in allen Teilen des Planeten, eigentümlicherweise vor allem für das, was ihnen hierzulande so oft als „langweilig“ und „altbacken“ vorgeworfen wird: Verlässlichkeit. Eine der großen Tugenden des erzkonservativen Genres Hardrock.

Souverän zwischen Stadionrock und Powerballade

Vor diesem Hintergrund ist „Return to Forever“ – wie auch schon der Vorgänger „Sting in the Tail“ eine sichere Bank. Das Album versammelt eine Reihe von verworfenen Stücken aus früheren Schaffensphasen, als eine LP bei gut 40 Minuten endete und am Ende der Rille noch viel Kreativität übrig war. Auch neue Songs sind dabei, der Unterschied ist, wen wundert’s, kaum auszumachen.

Schon mit dem ersten Song „Going Out with a Bang“ sind sie exakt in der Spurrinne ihrer langen Karriere, grüßen mit einem Gitarrenriff AC/DC und bewegen sich fortan souverän zwischen Stadionrock und der sogenannten Powerballade, oder anders gesagt zwischen „Rock You like a Hurricane“ und „Still Loving You“. Alle branchenüblichen Stilelemente und Klischees sind lückenlos vorhanden, von sägenden Stakkatoriffs auf den Rhythmusgitarren bis zum jaulenden Solo oder dem verschwenderischen Schlagzeugfill, das Strophe und Refrain kittet. Solche Musik ist nicht fürs Autofahren gemacht worden, sondern umgekehrt. Für solche Musik sind Autos erfunden worden. Und der heraushängende Fahrerellbogen. Und breite Straßen ohne Gegenverkehr. Und Sonnenuntergänge. Das Irre ist: Es funktioniert tatsächlich.

Rückkehr in die Ewigkeit

Bei den hymnischen Refrains sind die Scorpions der Konkurrenz sogar eine Nasenlänge voraus. Gern wird es zweistimmig, mal in den Gitarrenläufen, mal beim Gesang, hoch oben im Tonregal bei Klaus Meine. Auch an seiner Stimme scheiden sich seit jeher die Geister. Aber dass er sie mit 66 Jahren noch so in Form hält, hätte er vermutlich selbst nicht gedacht.

Und so rockt und rollt die Rückkehr in die Ewigkeit, zwölf Lieder lang, in der Deluxe-Version noch vier mehr. Einmal bluesrockt es sogar erfrischend, im überraschenden Shuffle „The Scratch“. Dabei geht es vor allem um das ewige Rockerleben. Songs wie „We Built this House“, „Rock ’n’ Roll Band“, das im Refrain ziemlich chrisdeburghige „Eye of the Storm“ oder das abschließende „Gipsy Life“ sind selbstreferenziell, kleine Bilanzen in einfachen Worten, Schlüsselbegriffe inklusive. Da geht’s together against the wind, der Regen regnet hard like a Hammer, und Believing is the Key. Natürlich.

Die sind einfach so

Aber Typen wie die Scorpions dürfen das, und man nimmt ihnen das alles sogar ab. Die erzählen das alles nicht nur, die sind einfach so. Es ist diese Mischung aus Wahrhaftigkeit und fast naiver Faszination am eigenen verwirklichten Lebenstraum, die einen manchmal staunen macht. Aber: Nur so vermutlich hält man das ganze, große Rockstartheater, dieses Lederjackenleben mit Daumen hoch, ein halbes Jahrhundert durch. Es wird nicht dabei bleiben. Die Welttournee beginnt im kommenden Mai in Tschechien und endet Ende März 2016 in Köln. Vorerst.

Scorpions: „Return to Forever“ (Sony).     

17.02.2015
Kultur Gedichte von Annette Hagemann - Unverhoffte Verbindungen
17.02.2015
Kultur Laut Medienberichten - Bucerius Kunstforum zieht um
17.02.2015