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Kultur Sedlácek: "Probleme gemeinsam lösen"
Nachrichten Kultur Sedlácek: "Probleme gemeinsam lösen"
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06:15 10.04.2012
Tomás Sedlácek hält am 12. April um 21 Uhr im Historischen Museum einen (englischen) Vortrag zum Thema seines Buches. Quelle: HAZ (Archiv)
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Hannover

Was erwarten Sie sich von einem Festival der Philosophie, also einer Begegnung mit Nichtfachleuten?

Wissen Sie, ich habe das Gefühl, dass keiner mehr wirklich ein Experte ist. Wir leben tendenziell in einer Gesellschaft von „Fachidioten“ - jeder ist ein „Experte“ für ein kleines Detail, aber keiner ist fähig, Details in einen größeren Zusammenhang zu stellen oder ein Gesamtbild zu formen. Solche Verbindungslinien aufzuzeigen sollte eine der Aufgaben der Philosophie sein. Wenn Philosophen diese Rolle nicht übernehmen wollen, werden es die Politiker allein tun. Ich sage nicht, Philosophen sollen die anstehenden Maßnahmen entscheiden, aber wer sonst sollte die Debatte leiten, die doch alle Bereiche der Gesellschaft einbeziehen muss?

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Wie erklären Sie sich Ihren internationalen Erfolg?

Das weiß ich wirklich nicht. Das Buch war gar nicht als Buch geplant. Es waren nur meine eigenen akademischen und leicht philosophischen Gedanken, die ich am Ende des Tages niederschrieb, während ich tagsüber meinem Vollzeitjob als Ökonom nachging. Damals kamen abends oder in der Nacht Fragen und Zweifel auf, mir wurde die Notwendigkeit anderer Sichtweisen klar, die nachdenklicheren und tieferen Fragen, die über die Statistiken unserer Zeit, unserer Glaubensüberzeugung, Vorurteile oder Annahmen hinausgehen. Ich schrieb auf, was letztlich in zehn oder mehr Jahren ein Buch wurde. Es war nicht von der Krise angeregt, aber natürlich begünstigt die heutige Situation Bücher oder Fragestellungen, die unsere ökonomischen Glaubenssätze infrage stellen. Denn das, was wir heute haben, die Kreditkrise, ist im Wortsinne eine Glaubenskrise, leitet sich Kredit doch vom lateinischen credo (ich glaube) ab. Ich habe versucht, eine andere Sichtweise auf wirtschaftliche Themen anzubieten, sie als ein Teil von Kultur, Philosophie, Ethik, Literatur usw. zu begreifen.

Was lief schief bei der Entwicklung der ökonomischen Wissenschaften?

Sie hat angefangen, sich so aufzuführen wie eine exakte Wissenschaft. Aber Wirtschaftswissenschaft ist und wird eine Geistes- und Sozialwissenschaft bleiben. Wir können nicht die Physik zu unserem Modell machen. Physik beschäftigt sich mit toten Objekten, die keinen Geschmack, keine Schönheit, keine Moral und auch keinen freien Willen haben. Die Grenzen der Vernunft zu erkennen ist die erste und am meisten herausfordernde Aufgabe der Vernunft, wie Pascal vor langer Zeit schrieb. Die heutige Wirtschaftswissenschaft hat ihre Grenzen ignoriert und versucht inzwischen, alles zu ökonomisieren. Die Wirtschaftstheorie begann als Teil der Moralphilosophie. Die heutige Wirtschaftswissenschaft hat sich komplett davon befreit und tut so, als wäre sie eine mathematisch exakte (Natur-)Wissenschaft.

Sie sagen in Ihrem Buch, dass man in der Wissenschaft „Geschichten“ erzählt. Was meinen Sie damit?

Auch wenn sie mit Zahlen und ausgeklügelten Modellen hantiert: Die Wirtschaftswissenschaft ist nichts anderes als eine Erzählung. Es ist eben eine Art von Erzählung, wie man sie in unserer Zeit schätzt und zu glauben bereit ist.

Wie viel Religion steckt in der Ökonomie?

Wir glauben blind an die Wirtschaftsreligion, wir geben ihr einerseits für alles die Schuld, andererseits glauben wir, dass sie uns Antworten und Lösungen für alles liefern kann. Die gottgleiche „unsichtbare Hand des Marktes“ führt uns (statt dass wir sie führen) zu Gott weiß wohin. Sie manipuliert uns in einer mysteriösen Weise, als hätte sie einen eigenen Plan und einen eigenen Willen. Die richtige Frage ist nicht „Funktioniert die Ökonomie beziehungsweise die unsichtbare Hand des Staates oder nicht?“, sie lautet: „Funktioniert sie so, wie wir es wollen?“ Wir sollten diejenigen sein, die die Richtung der Wirtschaft bestimmen, nicht irgendwelche mysteriösen unsichtbaren Hände, von denen niemand sagen kann, wohin sie uns auf lange Sicht führen. Als ob uns die Krise nichts gelehrt hätte, glauben wir immer noch an statistische Prognosen, an die Religion der Ratingagenturen und unsere Modelle, die alle den Test nicht bestanden haben. Es ist nicht so sehr, dass unsere Zeit an nichts glauben würde, das Problem ist, dass wir zu viel glauben. Jedenfalls „glauben“ wir (oder auch nicht) an die unsichtbare Hand und an das Modell des Homo oeconomicus. Tatsache ist, es handelt sich dabei immer um Glaubensüberzeugungen.

Unser bisheriges ökonomisches Denken ist auf Wachstum ausgerichtet. Können wir damit so weitermachen?

Es gibt viele verschiedene Arten zu wachsen, es muss nicht immer das Bruttoinlandsprodukt sein. Das Mantra, das da heißt: „wir müssen wachsen (zu allen Zeiten, sonst wird unsere Zivilisation untergehen)“ meint nichts anderes als: „wir wollen reicher werden (zu allen Zeiten, sonst wird unsere Zivilisation untergehen)“. Wir „müssen“ nicht reicher werden, wir möchten es - das ist ein großer Unterschied. Obwohl wir in einer Zeit leben, die Wünsche als ein „Muss“ formuliert. Es ist paradox: Wir leben in einer Zeit, die so sehr an Freiheit glaubt, dass wir unsere Wünsche zu Forderungen erheben: Wenn du kannst, dann musst du auch. Es wird gerade in der amerikanischen Kultur gern gesagt, dass das Gute der schlimmste Feind des Besten ist. Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Das Beste ist der grausamste Feind des Guten. Egal, wie gut es uns geht, wir müssen es noch besser machen. Die Firma, das Land, der Einzelne mögen es gut machen, aber es ist nie genug, es wird immer vom Besten gejagt.

Wie stehen Sie zum Thema des Produktionsfortschritts?

Ja, die Frage ist, wem das Wachstum gehört. Es ist komisch, wenn die meisten Wachstumsbefürworter mit der Verbesserung der Lage der Armen argumentieren. Plötzlich haben sie dieses schöne soziale Anliegen. Aber diese Trickle- down-Theorie, die automatische Weitergabe des Wohlstands von oben nach unten, ist sehr ineffizient und teuer, denn die Wachstumsbereiche profitieren am meisten vom Wachstum und die nicht wachsenden Bereiche nur langsam. Wenn wir uns wirklich um die Armen sorgen, gibt es effizientere Problemlösungen als Wachstum allein.

Was schlagen Sie als Lösung der Euro-Krise vor?

Die EU ist viel weniger verschuldet als die USA oder Japan, trotzdem haben wir eine europäische Krise. Wieso? Bestünden Japan oder die USA aus 27 Volkswirtschaften, wäre ein Drittel davon sofort bankrott. Das Problem ist, dass Europa zwar als ein Ganzes relativ stabil ist, aber instabil in seinen Teilen. Wir müssen nun gemeinsam, nicht einzeln, die Probleme lösen. In dieser Hinsicht bin ich europäischer Föderalist. Niemand ist eine Insel, und das gilt erst recht in einer globalisierten Welt. Wir haben in den vergangenen Jahren Schulden als Stimuli für die Wirtschaft eingesetzt, wir müssen uns nun schnell aus der Abhängigkeit von dieser billigen Droge befreien, die auf lange Sicht tödlich wirken kann. Unsere Zivilisation hat zu lange Stabilität verkauft und Wachstum gekauft - bis zu dem Punkt, dass selbst starke Volkswirtschaften tatsächlich instabil sind. Sie mögen schnell wachsen, aber sie können auch zusammenbrechen, wenn es für ein paar Jahre kein Wachstum gibt. Was ist das für eine Stabilität? Wir müssen jetzt das Gegenteil tun und beginnen, Wachstum zu verkaufen und Stabilität zu kaufen.

Die Fragen stellte Karl-Ludwig Baader

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