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Kultur Seele zu verkaufen in George Clooneys „The Ides of March“
Nachrichten Kultur Seele zu verkaufen in George Clooneys „The Ides of March“
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19:37 21.12.2011
Von Stefan Stosch
Der Mann weiß, wie man mit Journalisten umgeht: Wahlkampfmanager Stephen Meyers (Ryan Gosling). Quelle: Tobis
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Hannover

Ein junger Mann spricht in ein Mikrofon. Pathos liegt in seiner Stimme. Der Redner verkündet der Welt in hehren Worten, woran er glaubt – „nicht an die Bibel oder den Koran, das Einzige, woran ich glaube, ist die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika“. Aber seltsam, der Mann hält den getragenen Tonfall nicht lange durch. Und nun beginnt er auch noch zu tschilpen wie ein Vogel. Sein Kopf nähert sich langsam dem Mikrofon, bis er mit dem Mund lautstark daran stößt.

Die Vorführung war eine Sprechprobe. Der stellvertretende Wahlkampfmanager Stephen Meyers hat die Saaltechnik für Gouverneur Mike Morris getestet, der ein paar Stunden später die Rede halten soll, aus der Meyers ein paar Auszüge zum Besten gegeben hat. Sein charismatischer Boss will US-Präsident werden, muss sich zunächst aber unter den demokratischen Kandidaten im Vorwahlkampf durchsetzen. Er wirbt für bürgerliche Freiheitsrechte und grüne Energie. Er will ein anderes Amerika.

Schon diese erste Szene in George Clooneys Politdrama „The Ides of March“ ist bezeichnend: Die Grenze zwischen großen Worten und leeren Phrasen ist aufgehoben. Alles klingt irgendwie gleich. Regisseur Clooney verrät bereits in diesem Moment die Ideale, an die seine Figur Meyers glaubt – noch. Denn in den nächsten gut eineinhalb Kinostunden erleben wir, wie aus dem Idealisten ein lupenreiner Zyniker wird.

Schon vor ein paar Jahren wollte George Clooney diesen Film drehen. Er hatte sich bereits die Rechte an dem Theaterstück „Farragut North“ von Beau Willimon gesichert, das die Grundlage für seinen Film bildet. Dann kam dem Hollywoodstar die Präsidentenwahl Barack Obamas dazwischen. Eine Lichtgestalt zog ein ins Weiße Haus. In einer Zeit, in der die USA den Neuaufbruch wagten, schien eine Abrechnung mit dem Politikgeschäft unpassend. Doch inzwischen ist es mit der Euphorie in Amerika vorbei, und Clooney machte sich ans Werk. Er führt Regie, ist einer der Produzenten, hat am Drehbuch mitgeschrieben und spielt Gouverneur Morris gleich selbst.

Die Hauptfigur aber ist Meyers, verkörpert von Hollywoods Jungstar Ryan Gosling („Half Nelson“, „Lars und die Frauen“, Ende Januar auch in „Drive“ zu sehen). Dies ist Goslings großer Auftritt, nicht der von Clooney, der seine Größe gerade darin beweist, hinter dem talentierten Nachwuchs zurückzutreten. Gosling alias Meyers ist eine würdige Alternative, er agiert so smart und so lässig, wie wir das auch von Clooney („The American“) in seinen Rollen kennen.

Der aufstrebende Meyers begeht zwei Fehler: Er lässt sich auf eine Affäre mit der Praktikantin (Eva Rachel Wood) ein – und auf ein Treffen mit Tom Duffy (Paul Giamatti), dem Wahlkampfchef des ärgsten innerparteilichen Konkurrenten. Letzteres wird sofort geahndet: Meyers’ eigener Vorgesetzter, der ausgebuffte Stratege Paul Zara (Philip Seymour Hoffman), wittert Verrat. Er lässt Meyers durch einen geschickten Schachzug in eine Falle laufen. Nun muss sich Meyers entscheiden: Will er seine Karriere durchziehen, oder folgt er seinem Gewissen? Denn er weiß etwas, womit er den Gouverneur unter Druck setzen und zurück ins Spiel kommen könnte.

Man könnte gegen diesen Film einwenden, dass wir das alles schon gewusst haben – spätestens seit „The Candidate“ (1972) mit Robert Redford oder auch „Primary Colors“ (1998) mit John Travolta. Politik ist nun mal ein schmutziges Geschäft und verdirbt den Charakter. Wer dabei mitmacht, muss Kompromisse eingehen, unlautere Deals abschließen – und verkauft früher oder später seine Seele. Schon der Filmtitel „The Ides of March“ spricht Bände: Clooney weckt Assoziationen an den Mord an Julius Cäsar.

Gerne folgt man dieser eleganten Entzauberung des Politikbetriebs. Das liegt zum einen an dem glänzenden Ensemble, zum anderen an der Perfidie, mit der die Mechanismen der Macht bloßgelegt werden. Hier geht es weniger um das Versagen des Einzelnen als vielmehr um die Schwächen eines Systems, das es niemandem zu erlauben scheint, an seinen Überzeugungen festzuhalten, wenn er nach oben will.

Neben George Clooney gibt es nur noch ganz wenige Hollywoodstars, die als Regisseure solche essenziellen politischen Fragen stellen. Zuletzt beschäftigte sich Robert Redford in seinem Justizdrama „Die Lincoln Verschwörung“ mit den Grundfesten, auf denen Amerika ruht. Beide, Redford und Clooney, klagen unbeirrt eine bessere Zukunft für ihr Land ein – egal, wie sehr sie daran auch zweifeln mögen.

Für „The Ides of March“ gibt es vier Golden-Globe-Nominierungen, darunter die für den besten Film, den Hauptdarsteller und den Regisseur. Clooney hat gesagt, dass „The Ides of March“ genauso gut von Juristen oder Spionen handeln könnte. Der Film spielt aber unter Politikern, und das ist dann vielleicht doch kein Zufall.

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