Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Shah Rukh Khan in „Mein Name ist Khan“
Nachrichten Kultur Shah Rukh Khan in „Mein Name ist Khan“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:49 09.06.2010
Von Stefan Stosch
Auf dem Weg zum Weißen Haus: Rizwan Khan (Shah Rukh Khan) hat eine Botschaft für den Präsidenten. Quelle: 20th Century Fox
Anzeige

Vergesst „Forrest Gump“, den Dauerläufer durch die amerikanische Geschichte. Vergesst auch „Rain Man“, diesen Intelligenzbolzen mit Flugangst. Denn jetzt kommt Rizwan Khan, noch so ein Autist, noch so ein Außenseiter auf einer Odyssee durch die USA, aber dieser hier zielt mitten ins düstere Herz der amerikanischen Gesellschaft nach dem 11. September. Auf Paranoia und Fremdenfeindlichkeit trifft der kluge Tor mit furchtloser Unschuld – und das mit den Mitteln des Bollywoodkinos.

Gespielt wird der unter dem Asperger-Syndrom leidende Kinoheld von Indiens größtem Star, von Shah Rukh Khan, genannt „King Khan“, der zu Hause von seinen Fans wie ein Heiliger verehrt wird und inzwischen auch auf der Berlinale eine größere Kreischorgie auslöst als die meisten US-Kollegen. Sein neuer Film „Mein Name ist Khan“, inszeniert von Regisseur Karan Johar („Sometimes Happy, Sometimes Sad“), ist eine Koproduktion zwischen den beiden Weltfilmzentralen, zwischen Hollywood und Bollywood. Entsprechend verrückt, kitschig und überkandidelt fällt dieser Kino­hybrid auch aus.

Anzeige

Bisher stand Bollywood für hemmungsloses, knallbuntes Gefühlskino, versehen mit endlosen Musikeinlagen. Viele von diesen Zutaten bietet auch „Mein Name ist Khan“, wenn auch deutlich abgespeckt – gesungen und getanzt wird eher wenig. Aber es stecken eben noch ganz andere Inhalte drin.

Schon die Eingangsszene dürfte Bollywood-Freunde verwirren: Khan mit schräg geneigtem Kopf, jeden Blickkontakt mit der Kamera vermeidend, selt­same Sentenzen murmelnd. Er drückt mit seiner Behinderung ziemlich auf die Tube. Der arme Kerl muss einiges erdulden: Beim Sicherheitscheck an einem US-Flughafen wird der muslimische Sonderling aus der Reihe der Wartenden herausgepickt und einer Kontrolle unterzogen, die an Folter grenzt, Zahnfleischbegutachtung durch hämisch grinsende Beamte inklusive.

Letztlich wissen die Flughafensadisten mit dem angeblich Verdächtigen nichts anzufangen. Was er denn in Washington wolle, fragen sie. Zum Präsidenten, sagt Khan. Er habe eine Botschaft für ihn: „Mein Name ist Khan, und ich bin kein Terrorist.“ Das ist der zentrale Satz dieses Films.

Nach diesem Einstieg geht’s erst mal bonbonbunt weiter. Erzählt wird die ziemlich lange Vorgeschichte von Rizwan Khan, von seiner Kindheit in Indien, vom Tod seiner Mutter und vom Aufbruch nach Amerika zum Bruder. Als eine Art Avon-Berater zieht Khan mit Cremes und Tuben durch Chicago und kriegt am Ende die hübscheste Friseurin. Gespielt wird die Hindu-Frau Mandira vom größten weiblichen Bollywoodstar Kajol Devgan. Khan und Kajol gelten als Leinwandtraumpaar in Bollywood.

Doch dann nimmt der Film eine unerwartete Wendung. Die Flugzeuge rasen ins World Trade Center. Von nun an bewegen sich Khan und Mandira wie in einem Feindesland. Der Höhepunkt der zunehmenden Ausgrenzung: Mandiras Sohn wird auf dem Fußballplatz von Mitschülern zu Tode geprügelt. Verzweifelt gibt die Mutter ihrem Mann die Schuld am Tod des Sohnes und brüllt ihn an: Er möge doch zum Präsidenten gehen und ihm sagen, dass er kein Attentäter sei. Khan, der jeden Satz für bare Münze nimmt und das Herz seiner geliebten Gattin zurückerobern will, bricht auf nach Washington.

Unterwegs legt er Hasspredigern das Handwerk und rettet Hurrikanopfer. Keine Unwahrscheinlichkeit wird ausgelassen – und das Ganze in einem bunten Stilmix dargeboten. Komödie, Tragödie, (immer keusche) Romanze, Roadmovie und Politthriller: Alles ist im Angebot, verquirlt zu einem Kino ganz neuen Typs.

Wohl kein Hollywoodregisseur hätte sich an ein solches Potpourri gewagt, und manchmal möchte man tatsächlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, so dick wird hier Freud und Leid und Liebe aufgetragen. Und doch hat der Film in all seiner Naivität etwas Erfrischendes.

Superstar Shah Rukh Khan versteht ihn nach eigenen Worten als Werbung für ein friedliches Miteinander auf diesem Planeten. Respekt für die anderen klagt er ein. Daran arbeitet er auch in der Wirklichkeit – mit unangenehmen Folgen: In seiner indischen Heimat hat Khan sich dafür ausgesprochen, dass auch Pakistani Kricket spielen dürfen – er selbst besitzt ein Kricketteam in Kalkutta. Diese Einlassung zum indischen Volkssport hat ihm den Hass fundamentalistischer Hindus eingetragen. Rund um den Kinostart von „Mein Name ist Khan“ kam es in Indien zu Straßenunruhen. Khans Familie stammt aus dem pakistanischen Peschawar, er selbst wurde 1965 in Neu-Delhi geboren.

Nun trägt der echte Khan mittels der Kinofigur Khan seine Friedensbotschaft quer durch Amerika. Bollywood trifft Hollywood – und alle (oder fast alle) Menschen werden Freunde.

Wilder Mix: Gewöhnungsbedürftig, aber erfrischend. Cinemaxx Nikolaistraße, Hochhaus.

Stefan Stosch 09.06.2010
Ronald Meyer-Arlt 09.06.2010