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Kultur Die Rolle der Frau
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13:23 11.01.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Damenwahl: Das Frauenensemble im „Globe“-Rund. Quelle: Karl-Bernd Karwasz/Schauspiel Hannover
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Hannover

Blackfacing gilt als unfein. Wenn im Theater weiße Schauspieler ihr Gesicht schwarz schminken, um Menschen afrikanischer Herkunft zu spielen, löst das immer wieder Proteste aus. Wenn Frauen aber Männerrollen spielen, hat kaum jemand ein Problem damit. Männer sind in dieser Hinsicht recht generös.

Im Laientheater ist es sogar die Regel, dass Frauen als Männer auf der Bühne stehen. Frauen sind deutlich stärker an der Theaterkunst interessiert als Männer. Das belegen auch die Anmeldungszahlen an Schauspielschulen: viel mehr Damen als Herren wollen diesen Beruf ergreifen. Die klassische Dramenliteratur verschärft das Problem: Es gibt mehr Herren- als Damenrollen. Wenn Frauen auf der Bühne Männerrollen übernehmen, geschieht das oft aus Not. Es ist wie bei Tanzveranstaltungen älterer Mitbürger: Die Männer fehlen, also tanzt man einfach ohne sie.

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Shakespeare mal ganz weiblich: Am Schauspiel Hannover wurde der Spieß umgedreht. Anstatt Männer mit Frauenrollen zu besetzen, hat Regisseur Florian Fiedler ein reines Frauen-Ensemble für das Stück „Mass für Mass“ zusammengestellt.

Es kann natürlich auch ein Konzept dahinterstecken, wenn Frauen in Männerrollen auf der Bühne stehen. Das schien im Schauspiel Hannover der Fall zu sein. Florian Fiedler inszenierte Shakespeares „Mass für Mass“, ein Stück über Machtmissbrauch und Ehre, über Verstellung und Beobachtung. Ein Stück über verschobene Identitäten. Ein Stück über Willkür der Herrschenden und ihre Angst vor der Meinung des Volkes. Ein Stück, in dem ein Mann nicht mit der Frau schläft, die er begehrt, sondern mit einer anderen, die sich ins dunkle Zimmer geschlichen hat (ein kurioses Motiv, das auch in „Ende gut, alles gut“ auftaucht, einer anderen dunklen Komödie Shakespeares). Ein Stück, in dem Hochzeiten als Strafe verhängt werden. Ein Stück, in dem nichts in Ordnung ist. Ein Stück, in dem Frauen nur Mittel zum Zweck sind. Ein Problemstück.

Und ein Experiment: Der Herrscher, Herzog Vincentio, verkleidet sich als Mönch, taucht unter und lässt seinen Bruder Angelo an die Macht. Der soll der dafür sorgen, dass die Gesetze eingehalten werden. Also verurteilt Claudio zum Tode. Dessen Vergehen: Er hat seine Verlobte geschwängert. Claudios Schwester Isabella bittet den Herzog um Gnade. Der verliebt sich in sie und ist bereit, das Urteil zurückzunehmen, wenn sie sich ihm hingibt. Der frisch installierte Herrscher begeht also das Unrecht, das er zu verfolgen vorgibt. Der wahre Herrscher in der Mönchsverkleidung aber beobachtet das alles.

Frauen werden schlecht behandelt

Was dürfen sich die Mächtigen erlauben? Sind Gesetze unter allen Bedingungen einzuhalten? Wie werden die Regierenden beobachtet? Wie kann das Private zu einer öffentlichen Angelegenheit werden? Es sind durchaus aktuelle Fragen, die Shakespeare hier verhandelt. Und sie werden auch in Florian Fiedlers Inszenierung nicht ausgeklammert. Im Zentrum aber steht bei ihm die Rolle der Frau.

Der Regisseur hat Shakespeares Versuchsanordnung eine eigene Versuchsanordnung übergestülpt. Bei ihm werden alle Rollen von Schauspielerinnen gespielt. Sein Ziel: So sollen Machtstrukturen kenntlich gemacht werden.

Ja, Frauen werden hier schlecht behandelt. Das hätte man aber vielleicht auch erkennen können, wenn das Stück nur von Männern oder von einem gemischtgeschlechtlichen Ensemble gespielt worden wäre. Was bei der reinen Frauenbesetzung auch zu erkennen war, ist gewisse Grundaufgeregtheit, eine erhebliche Kraftanstrengung, die fremden Rollen auch zu füllen. In peinlichen Momenten (etwa wenn Veronika Reichard, als Gefängnisaufseher hässlich hessisch redet) wirkt das wie Schülertheater. Charlotte Müller als Dandy Lucio schafft es als einzige, ihrer Männerrolle eine gewisse Leichtigkeit mitzugeben. Lisa Natalie Arnold dagegen presst und trötet die Worte des alten Herzog so heraus, dass er schnell zur Witzfigur schrumpft. Elena Schmidt verleiht Angelo, dem Stellvertreter, fahrige Ängstlichkeit statt gefährlicher Größe. Sophie Krauß gibt Isabella als sehr lebendige, mädchenfreche Schönheit. Dass sie einen Texthänger hatte, ist kein Problem, so etwas kann passieren. Dass aber alle Darstellerinnen an vielen Stellen textlich ins Stolpern kamen, dass das Licht in einer Szene überhaupt nicht stimmte, lässt darauf schließen, dass die Inszenierung irgendwie noch nicht abgeschlossen ist.

Die Rolle auf der Stirn

Wie auch? In der erste Szene ist als Videoübertragung das Damenensemble hinter der Bühne (einer großartigen halbrunden Globe-Konstruktion von Maria-Alice Bahra) zu sehen. Die Schauspielerinnen haben sich Haftzettel mit den Namen der Rollen auf die Stirnen geklebt. Im Plapperton aufgekratzter Kneipenquatscherei (das kommt nicht von ungefähr: im Zentrum der Szene ist ein Zapfhahn zu sehen) fragt sich jede, wer sie wohl ist. „Ich weiß den Namen nicht“, sagt eine Schauspielerin, „Ich habe das Stück noch nicht gelesen.“

Hätte frau aber durchaus tun können.

„Mass für Mass“ im Schauspiel Hannover

Wieder am 18., 30. und 31. Januar. sowie am 8., 13., 21. und 25. Februar. Karten gibt es unter (05 11) 99 99 11 11 oder auf der Internetseite des Schauspiel Hannover.

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