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Kultur Shakespeares "Romeo und Julia" umstritten
Nachrichten Kultur Shakespeares "Romeo und Julia" umstritten
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14:50 13.09.2010
Von Stefan Arndt
Veronika Avraham als Julia in der Inszenierung von Heike Marianne Götze im Schauspielhaus Hannover Quelle: Katrin Ribbe

William Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ gehört zu den wenigen Stücken, deren Inhalt noch immer zum Bildungskanon gehört: Die Kinder zweier verfeindeter Familien lieben sich, können aber nicht zueinander kommen, weil die Fehde mörderisch eskaliert. Nach weiteren Missverständnissen bringt sich erst der eine, dann die andere um: Die große Liebe endet (oder erfüllt sich) im Tod. Das Ganze ist bekannt – da kann man es ruhig einmal auf ungewöhnliche Weise erzählen. Am Schauspielhaus Hannover, wo Heike Marianne Götzes „Romeo und Julia“-Version am Sonnabend die Spielzeit eröffnet hat, ist das allerdings missglückt: Am Ende gab es ungewöhnlich deutliche Buhrufe für die Regisseurin – und viele offene Fragen.

Dabei wird zumindest schnell deutlich, was Götze nicht will: „Romeo und Julia“ gilt vielen als eine Geschichte über die Liebe; bei der Regisseurin aber bleibt die Liebe so blass, wie ihre Protagonisten es sind. Julia (Veronika Avraham) ist erfüllt von einem nicht selten nervigen kindlichen Trotz: Meist schwebt sie in einem durchsichtigen Plastiksessel (der hier auch den Balkon ersetzt) weit über der Szene und kommuniziert nur widerwillig mit der Welt da unten: ein Planet für sich. Romeo (Daniel Nerlich) ist mit langem, blondem Zottelhaar und Kettenhemdchen ein Prototyp des reinen Toren: ein Simplizissimus, ein Parsifal – aber kein großer Liebender. Eben schwärmte er noch melancholisch für Rosalinde, jetzt plötzlich für Julia – einen Unterschied macht das eigentlich nicht.

„Romeo und Julia“ kann man aber auch als ein Drama verstehen, das von Gewalt erzählt und davon, wie sie schließlich überwunden wird. Doch die Montagues und Capulets sind in Hannover keine sich abstoßenden Prinzipien – selbst ihre Oberhäupter sind unsichere, disparate Figuren. Montague (Thomas Mehlhorn) ist eine alt gewordene Variante des Teenagers Romeo, das blonde Haar trägt er statt auf dem nun kahlen Kopf in Form einer Makramee-Rüstung vor der Brust (Kostüme: Inge Gill Klossner). Bei ihm ist kaum auszumachen, ob er eine Figur schlägt oder liebkost, die Grenze zwischen Gewalt und Nähe verwischt. Lady Capulet (Wiebke Frost) dagegen ist eine verhuschte Figur wie Büchners König vom Reiche Popo, die sich nicht einmal an den Namen ihrer Tochter erinnert. Zwischen diesen Vertretern der beiden Familien bleibt der Hass Behauptung, weshalb auch die meisten Degenkämpfe bei aller Aktivität ungefährlich wirken – und die finale Versöhnung überflüssig wird und entfällt.

Stattdessen beschließt eine andere Szene den Abend: Der Franziskanermönch, der Romeo und Julia heimlich getraut und Plan und Gift parat hat, wenn es gilt, das Glück des Paares mit einer List zu retten, wird noch einmal vor den Vorhang gestoßen und einer Befragung nach der Schuld an den zurückliegenden Todesfällen ausgesetzt. Oscar Olivo legt diesen Pater als eine Art Clown an, der über die Bühne wirbelt wie ein Derwisch, der mit englischem Akzent stottert, lacht, neue Texte erfindet und dem Abend einen Hauch von Improvisationstheater verleiht. So verdichtet sich der Eindruck, man habe sich vor allem für die Übersetzung von Thomas Brasch entschieden, um mit dessen Plädoyer für Veränderung das Programmheft zu eröffnen.

Natürlich findet Olivos Witzfigur-Pater keine Antwort auf die aus dem Off gestellte Frage, wie alles so weit kommen konnte. Dass sie überhaupt gestellt wird, gibt aber immerhin ein Hinweis darauf, dass man hier Zeuge eines eskalierten Experimentes geworden ist. Wenn die Figuren am Anfang (fast) zusammen den Prolog rezitieren, geschieht das aus Glaskästen heraus, die wie Dioramen erscheinen: die Tragödie als Versuchsaufbau.

Julia ist bei dieser ersten Szene nicht mit von der Partie: Nur ihre nackten Füße ragen in das Bild. Am Ende ist der Glaskasten die Gruft, aus der sie nicht schnell genug entkommen kann, um Romeo oben vom Selbstmord abzuhalten. Endlich befreit fehlt ihr dann die Kraft, sich zu erstechen, und sie bleibt starr, aber lebendig neben ihrem toten Geliebten liegen.

Am Glaskasten deutet sich in solchen Szenen an, dass „Romeo und Julia“ in Hannover vor allem ein Julia-Drama sein soll. Viel mehr als Hinweise gibt es allerdings nicht: Der fast dreistündige Abend wirkt oft nicht fertig ausgearbeitet, Klarheit und Konsequenz fehlen auch dort, wo es vermutlich gar nicht beabsichtigt war.

So werden ganz andere Antworten auf die vielen Fragen möglich, die diese Inszenierung stellt: Warum zum Beispiel gibt es das ganze Wasser auf der Bühne? Ist es Symbol dafür, wie gefährdend hier alle Beziehungen sind? Soll es zeigen, dass die Übergänge zwischen den Geschlechtern fließend oder dass wir alle Schiffbrüchige sind? Vielleicht ist das Wasser aber auch einfach nur dazu da, um Shakespeare einmal gründlich darin zu versenken.

Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11

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